25 Jahre Mauerfall

Wim Wenders hört erst zehn Tage später davon

Prominente erinnern sich, wie sie vom Mauerfall erfuhren

Rückblickend scheint es fasst unmöglich zu sein, von der Maueröffnung am 9. November nichts mitbekommen zu haben. Zumal inzwischen jede Minute des Tages mit vielen Bildern rekonstruiert ist. Dennoch sind die meisten einfach schlafen gegangen, manche ahnungslos. Star-Dirigent Daniel Barenboim hat sich nach Schallplattenaufnahmen mit den Philharmonikern noch mit einem Freund zum Abendessen in Charlottenburg getroffen und von dem Ereignis erst am nächsten Morgen in der Zeitung gelesen. Rechtsanwalt Gregor Gysi wird von seiner Lebensgefährtin angerufen, hat aber keine Lust, sich unter die Leute zu mischen, weil er am nächsten Tag einen Mordfall vor Gericht zu verhandeln hat. Auch der Journalist Alexander Osang hat sich – von der revolutionären Stimmung und vom privaten Umzug geschlaucht – müde ins Bett fallen lassen. Aber er verweist in „Goodbye DDR – Erinnerungen an den Mauerfall“ darauf, dass das keiner hören wollte. Also erfüllte er immer die Erwartungen an einen Berliner und erzählte, wie er auf der Mauer mitgetanzt hat. Die Geschichten der Prominenten aus Ost und West greifen tief in den Alltag ein. Künstler haben es sicherlich einfacher, sich daran zu erinnern. Sie brauchen nur in den Spielplan zu schauen. Countertenor Jochen Kowalski singt an der Komischen Oper gerade den Orpheus in Glucks „Orpheus und Eurydike“. Ein Bühnenarbeiter ruft ihm aus der Gasse zu, dass die Mauer auf ist. Schauspieler Henry Hübchen ist an der Volksbühne in Paul Zechs „Das trunkene Schiff“ versunken. „Ja, das Theater kann große geschichtliche Wendepunkte verpassen“, schreibt er. Aber in der Kantine sieht er dann die aktuellen Fernsehbilder.

Die wildeste Geschichte erzählt Schauspielerin Anja Kling, die am 4. November über die Tschechei nach Bayern flüchtet, die Maueröffnung in einem Auffanglager erlebt und kurz darauf wieder nach Berlin zurückkehrt. Den Flucht-Trabi hat ihr Freund, ein Tänzer der Staatsoper, in Köln für 50 DM verkauft. Am weitesten entfernt hält sich Wim Wenders auf. Er ist in Australien auf Motivsuche für den Film „Bis ans Ende der Welt“. Erst zehn Tage später erhät er er in einem Kaff namens Turkey Creek die Nachricht über das einzige Fax-Gerät des Ortes. Danach kauft er reichlich Alkohol ein und kehrt ins Camp zurück.

Elke Bitterhoff: Goodbye DDR – Erinnerungen an den Mauerfall. Aufbau, 272 Seiten, 14,95 Euro