Klassikkritik

Kent Nagano stutzt Bruckners Neunte auf Alltagsgröße

Irdisch und gefestigt: Der Kalifornier in der Philharmonie

Zwei Riesenschlangen an einem Abend. Gefühlte drei Stunden Alban Berg und Anton Bruckner. Der Amerikaner Kent Nagano fordert viel von seinem Publikum und vom Deutschen Symphonie-Orchester (DSO). Vor allem eine ordentliche Portion Sitzfleisch bei Bergs heiklem Kammerkonzert für Klavier, Violine und dreizehn Bläser. Auf dem bloßen Papier funkelt dieses Werk höchst faszinierend. Alles basiert auf der Zahl drei, alles wirkt grandios ausgetüftelt, alles hintersinnig konstruiert – unter anderem mit Tonfolgen, die der Komponist aus Buchstaben der Namen Schönberg und Berg rekrutiert hat. Doch im Konzertsaal neigt dieses Kammerkonzert leider dazu, mit seiner sperrigen Informationsdichte zu überfordern.

Umso wichtiger, dass Nagano zwei Solistinnen zur Seite hat, die ein energisches Engagement und musikantischen Zugriff in die Waagschale werfen. Und die hat er: zum einen die gertenschlanke, pfeilschnelle Geigerin Viviane Hagner, zum anderen seine Ehefrau Mari Kodama, eine Pianistin wie eine perfekt sprudelnde Gebirgsquelle. Nichts deutet darauf hin, dass die Bläser des DSO dieses teuflisch anspruchsvolle Berg-Werk zum allerersten Mal in ihrer Karriere aufführen. Sie prangen in stattlichen, gut abgestimmten Farben, schießen mitunter schalkhafte Geräuschsalven ins Publikum.

Nach der Pause dann der Repertoire-Klassiker, von der reichlich gefüllten Philharmonie sehnsüchtig erwartet – Anton Bruckners neunte Sinfonie. Für den ehemaligen DSO-Chef Nagano bedeutet dies keineswegs Neuland. Bereits vor zehn und dann wieder vor drei Jahren hat er die unvollendet gebliebene Sinfonie mit dem Berliner Klangkörper geschultert. Davon allerdings ist an diesem Abend kaum etwas zu spüren.

Denn dieser Bruckner klingt wie ein Neuanfang. Mal nüchtern herb, mal kühl elegant, mal bohrend gradlinig. Doch zunächst beherrschen recht breite Tempi und voluminöse Streicher das Geschehen. Erst in der Coda des Kopfsatzes eint Nagano das Orchester zu prägnanter Größe. Wildes Kriegsgetümmel im nachfolgenden Scherzo, freudige Intimität im Trio. Das ausgedehnte Schluss-Adagio klingt unter Nagano betont irdisch und gefestigt. Eigentlich hatte Bruckner diese Sinfonie „dem lieben Gott“ gewidmet. Besonders im langsamen Satz scheint er dies zum Ausdruck gebracht zu haben – durch Momente von bebender, geradezu religiöser Intensität, durch himmlisch entrückte Sphärenklänge. Nagano dagegen nimmt Gott konsequent aus dem Spiel. Er betrachtet die Partitur durch die skeptischen Brillengläser der Moderne. Und stutzt Bruckners Neunte dadurch auf Alltagsgröße.