Fernsehen

Gelebte Geschichtsstunde

Nico Hofmann und RTL drehen eine Serie über Ost-West-Spionage: „Deutschland!“ soll das TV-Highlight 2015 werden. Ein Setbesuch

Kein Durchkommen! Der ehemalige Landtag in Potsdam ist abgeriegelt. Überall stehen Jeeps und Bundeswehrlaster. Und Soldaten in Tarnanzügen laufen über den Hof. Haben wir es hier mit einem modernen Hauptmann von Köpenick zu tun? Mitnichten. Hier finden Dreharbeiten statt. Hier werden Szenen einer Fernsehserie gedreht, die – Kleinstapeln ist keine Tugend bei den Fernseh-Machern – das TV-Highlight 2015 werden soll: „Deutschland!“ Eine Serie über Ost und West. Über die 80er-Jahre, mit allem, was dazugehört, den Nena-Songs und den schlimmen Frisuren. Und über eine Krise, die noch weithin unbekannt ist.

Kaum bekannte Fast-Katastrophe

„Deutschland!“ spielt 1983. Das Jahr, in dem Ronald Reagan die Sowjetunion als das „Reich des Bösen“ verteufelte. Und in dem der Kalte Krieg noch einmal ganz heiß wurde. Während sich nämlich fast zeitgleich in den beiden deutschen Landen eine Friedensbewegung formierte, haben die beiden Großsysteme noch einmal kräftig die Muskeln spielen lassen. Westdeutschland rüstete nicht nur mit Pershing-II-Raketen auf, die Nato probte im November 1983 auf westdeutschem Boden einen nuklearen Ernstfall. Und tat das so überzeugend, dass die Sowjets in ihrer Paranoia wähnten, das Manöver sei gar kein Manöver, sondern der schon lange befürchtete Erstschlag der Amerikaner. „Able Archer“ hieß diese Kommandostabsübung, was übersetzt „Tüchtiger Bogenschütze“ bedeutet. Der Bogenschütze war so tüchtig, dass die Welt nur knapp an einem Dritten Weltkrieg vorbeigeschrammt ist. Wie knapp, das ist erst 1988 bekannt geworden und dann im allgemeinen Aufweichen des Eisernen Vorhangs ein wenig untergegangen. Rückblickend kann man den gerade noch einmal gut gegangenen Ausgang als ersten Schritt in die Wiedervereinigung betrachten.

Jetzt wird daraus eine aufwendige achtteilige Thriller-Serie, die im kommenden Jahr bei RTL ausgestrahlt werden soll. Der heutige Montag ist der 48. von 76 Drehtagen. Und während draußen die 16. Szene von Folge Sieben geprobt wird und der ehemalige Landtag als Kulisse für eine Kaserne in der Eifel herhalten muss, vor der junge Friedensbewegte demonstrieren, lädt Nico Hofmann von der Ufa Fiction mit den anderen Serienverantwortlichen in die Kantine des Gebäudes ein. Hier lässt nichts an die Eifel denken, hier riecht alles noch nach alter DDR und den typischen Reinigungsmitteln. Vor allem, das findet auch Hofmann, ist es hier bitter kalt, „kälter als draußen“. Das passe aber auch wieder ganz gut zu dem Kalter-Krieg-Thema. Und „eine spannendere Zeitfolie“, schwärmt der Ufa-Mann, könne er sich gar nicht vorstellen, „um über deutsch-deutsche Grenzerfahrungen zu erzählen“.

„Deutschland!“ wird als „Event-Serie“ angekündigt. Ohne Event geht heute nichts mehr im Privatfernsehen. Aber tatsächlich geht es hier nicht nur um eine x-beliebige Serie. Man will vielmehr der leidigen Diskussion, dass das deutsche dem amerikanischen und jüngst auch dem skandinavischen Fernsehen hinterherhinke, energisch entgegentreten. Deren Serienformate nur zu kopieren, geht meist daneben. Deswegen soll hier ein originär deutsches Thema entwickelt werden. Zur Rettung des deutschen Serienrufs. Vielleicht auch deshalb der nicht eben subtile Serientitel. Samt Ausrufezeichen.

Der Blick von außen

Dazu allerdings, und das ist nicht ohne Pointe, hat es einer Amerikanerin bedurft – der Romanautorin Anna Winger, die seit zwölf Jahren in Deutschland lebt und sich wundert, warum es nicht mehr genuin deutsche Serienformate gibt. Sie dachte an einen Stoff, der auch ihre eigenen Kinder, die an eine deutsch-amerikanische Schule gehen, faszinieren müsse. Und dachte sich eine Story über einen jungen DDR-Mann aus, der, von der Stasi angeworben, in die Bundeswehr eingeschleust wird, um das Manöver zu bespitzeln. Und dann buchstäblich die Welt vor einem Nuklearkrieg retten muss.

Vielleicht hat es wirklich jemanden gebraucht, der mit komplett fremdem Blick auf die deutschen Befindlichkeiten schaut. Sie habe ja weder einen west- noch einen ostdeutschen Blick, sagt Anna Winger. Sie sagt es auf Englisch. Sie spricht zwar Deutsch, ist aber zu aufgeregt und hat Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Die Serie hat sie dann mit ihrem deutschen Mann, dem Ufa-Produzenten Jörg Winger, kreiert. Und als Fernsehsender hat man RTL in nur fünf Minuten gewinnen können. Stars wie Maria Schrader, Sylvester Groth und Ulrich Noethen wirken mit, die Hauptrolle aber spielt Jonas Nay, seit dem preisgekrönten Fernsehfilm „Homevideo“ ein neues Gesicht des deutschen Fernsehens.

Er steht etwas abseits in der Kantine, in Bundeswehruniform. Die hat er selbst nie getragen, er gehört, wie er selbst schmunzelt, zur „letzten Generation Zivi“. Da er Jahrgang 1990 ist, hat er nicht mal den Mauerfall erlebt. „Für mich“, gibt er zu, „ist das sehr weit weg.“ Gefühlt sei das ein historischer Stoff. Und auch in der Schule habe er zwar viel über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg gepaukt, aber wenig über die Nachkriegszeit. „Die Ost-West-Geschichte kam eigentlich gar nicht vor.“ Für ihn sind die Dreharbeiten deshalb jetzt eine Art „gelebte Geschichtsstunde.“

Edward Berger geht es da ganz anders. Der 43-Jährige, dessen großartiges Berlin-Jugenddrama „Jack“ derzeit im Kino läuft, ist mit der wesentlich jüngeren Samira Radsi für die Regie verantwortlich und dreht die ersten sechs der acht Folgen. Er war anno 1983 13 Jahre alt, „das war die Zeit meiner Pubertät, da fing das mit Mädchen an, auch Politik fing an, wichtig zu werden. Also die Zeit meines Erwachens.“ Das komme nun beim Drehen wieder hoch. „Es ist wirklich wie eine Zeitreise.“