Ausstellung

Gemütlich ist anders

Als die Wohnungen noch keine Kuschelzonen waren: Das Bröhan-Museum zeigt Möbel und Design der 80er-Jahre

Wenn man an die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts denkt, fallen einem sofort die schlimme Vokuhila-Frisur (vorne kurz, hinten lang) ein, Schnauzbart, Dauerwelle, Strähnchen, Hosen in Karottenform, hässliche Krawatten und Damenjacketts mit zu breiten Schultern. Im gleichen, ästhetisch oft als unterirdisch empfundenen Jahrzehnt wurden in der Bildenden Kunst („Zeitgeist“ 1982 im Martin-Gropius-Bau), in der Musik („Neue Deutsche Welle“) und im Film innovative Wege beschritten. Ähnliches gilt für den Bereich Möbel und Design. In den 80er-Jahren machten Künstler und Gestalter mit schrillen, bizarren, witzigen, ironischen und zum Teil kitschigen Möbeln und Objekten auf sich aufmerksam. Eine junge Generation von Designern hatte damit angefangen, grundlegend mit der Tradition der „Guten Form“ und der sachlichen, kühlen Ausrichtung im deutschen Design zu brechen.

Zum ersten Mal blickt nun mit der Ausstellung „Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er-Jahre“ im Charlottenburger Bröhan-Museum, ansonsten Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus verpflichtet, eine groß angelegte Retrospektive zurück auf dieses Phänomen, das nur eine kurze Hochphase hatte: von 1982, als in Hamburg eine erste Ausstellung mit dem Titel „Möbel perdu – Schöneres Wohnen“ stattfand, bis zur Wiedervereinigung.

Der Rückblick lohnt sich: Selten schöne, aber oft originelle und skurrile Möbel und Alltagsobjekte spiegeln eine hochpolitisierte, manchmal düstere, gelegentlich wild-eruptive Zeit, eine Dekade, in der das Wettrüsten seinen Höhepunkt erreichte und die Friedensbewegung zu einer Volksbewegung wurde, in der Aids, das Waldsterben und Tschernobyl die Welt verunsicherten und die Grünen ins Parlament einzogen. „Die Zeiten sind eckig“, sagte der in der Ausstellung vertretene Gestalter Siegfried Michael Syniuga damals und übersetze diese gefühlte Kantigkeit ins Dreidimensionale.

Metallhocker von Bellefast (diese Künstlervereinigung verschreibt sich dem Schönen und dem Schnellen) oder der „Consumer’s Rest Lounge Chair“ von Stiletto, ein zu einem Sessel umgebauter Einkaufswagen, verbreiten punkig-nihilistischen Anti-Komfortzonen-Charme. Überhaupt hat man es nicht mit der deutschen Gemütlichkeit. Kissen aus Stacheldraht („Heimweh“), eine zum Regal transformierte hochgestellte Badewanne oder das damals schon retrohafte Barrikaden-Regal aus Obstkisten mit dem Namen „Regal Mai 68“ demonstrieren die Abkehr vom Wohnzimmer als eskapistischen Ort der stillen Regeneration.

Das Neue Deutsche Design entmystifiziert und entglorifiziert den Begriff Heimat endgültig. Stattdessen definiert sich Heimat nun aus dem Alltäglichen, Trivialen oder auch aus bis ins Privatleben hineinsickernder, drohender, unausweichlicher Gefahr: Mit der Stehleuchte A59 holt Volker Albus die Autobahn ins Heim, die Gruppe Möbel perdu verbindet Natur und Künstlichkeit in ihrer „Elektrischen Gottesanbeterin“, mit dem Beistelltisch „Pershing“ versucht Herbert Jakob Weinand, den Kalten Krieg zu domestizieren. Und riesigen Betonhanteln parodierten mit ihrem Namen „Kraft durch Leid“ die Nazi-Losung „Kraft durch Freude“ .

„Schrill Bizarr Brachial. Das Neue Deutsche Design der 80er Jahre“ zeigt etwa 80 Entwürfe des Neuen Deutschen Designs. Ebenso sind einige Stücke aus der Ausstellung „Kaufhaus des Ostens“ zu sehen, die vor fast vierzig Jahren, 1985, schon einmal am gleichen Ort präsentiert wurde – in den Räumen des Deutschen Werkbunds im heutigen Bröhan-Museum.

Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Charlottenburg. Di-So, 10-18 Uhr. Bis 1. Februar 2015. www.broehan-museum.de