Pop-Kritik

Mouse on Mars lassen es quietschen und dröhnen

Mouse on Mars sind eines der einflussreichsten Elektro-Duos der letzten 20 Jahre. Mit jeder Platte, jedem Projekt gehen sie in andere Richtungen, überraschen sich und ihre Hörer.

21 Jahre lang, genau genommen. Am Wochenende feierten Andi Toma und Jan St. Werner ihr krummes Jubiläum im HAU1. Die beiden schauen nicht gern nostalgisch zurück, sagen sie, weshalb zu dieser Gelegenheit auch nicht etwa ihre vermeintlich beste Platte aufgeführt wird, sondern viele verschiedene Kollaborationen präsentiert werden, und deren Partner. Laetitia Sadier zum Beispiel, Ex-Sängerin der Band Stereolab, singt verträumte Songs zur E-Gitarre auf Englisch und Französisch, als hätte Arnold Schönberg ein paar Hits fürs Radio geschrieben. Kathy Alberici schichtet Violinen- und Gesangsspuren übereinander – eine flirrende, dröhnende Melancholie. Mit der iranischen Sängerin Parissa Eskandari führt Oval Miniaturen auf, umkreist ihre Stimme mit Verkehrsrattern und zerschnittenen Pauken aus dem Rechner, darüber ein leichtes Spielzeugklavier.

Und Mouse on Mars selbst? Sind mit mehreren, höchst unterschiedlichen Projekten dabei. Mit dem Solistenensemble Kaleidoskop begibt sich Jan St. Werner in Richtung Musique concrète. Erstmal wird aus neun Luftballons gleichzeitig die Luft gelassen – ein Obertonquitschen, witzig und theatral, in das sich langsam Elektronik einschleift. Über dem Streicherensemble hängen Neonröhren, ein geisterhaftes Licht, in dem die Spieler zu Puppen werden, zu Körperteilen der Musik.

Ein Höhepunkt im fast ausverkauften HAU1 ist die Aufführung ihres Stücks „Paeanumnion“ mit dem Ensemble Musikfabrik. Als sich der Vorhang hebt, geht ein Raunen durch die Reihen – neben einem Tisch voller Elektronik steht ein ganzes Kammerorchester auf der Bühne. Andi Toma tippt auf seinem Smartphone rum, dann geht’s los – eine Riesentrommel macht die Bassdrum, wilde Elektronik knallt gegen filigrane Holzbläser. Dance Music für Orchester, mit Partitur, Dirigent und allem.