„Das hier ist auch ein Ort der Hoffnung“

Axel Klausmeier, Direktor der Mauer-Stiftung, über den Besuch der Kanzlerin am 9. November und wie man die Teilung erklären kann

Am kommenden Sonntag wird die zentrale Gedenkveranstaltung zum Fall der Mauer in der Gedenkstätte in der Bernauer Straße stattfinden. Angela Merkel hat für diesen besonderen Tag ihr Kommen angekündigt, an dem auch die neue Dauerausstellung eröffnet wird. Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, über den gewandelten Umgang mit der Teilung und warum er den Schrecken der Mauer nicht vermitteln will.

Berliner Morgenpost:

Herr Klausmeier, wie erklärt man Kindern und Jugendlichen die Mauer?

Axel Klausmeier:

Die Gedenkstätte bietet einen bunten Strauss dazu. Es gibt Einführungskurse, eine Computeranimation, wir haben Kinderprogramme für Heranwachsende bis zwölf Jahre, wir bieten Zeitzeugengespräche für Jugendliche an.

Anders gefragt: Kann die junge Generation den Schrecken der Mauer nachvollziehen?

Nein, das geht nicht. Wir wollen auch ausdrücklich nicht den Schrecken der Mauer vermitteln. Wir wollen keine Rekonstruktion der Mauer.

Warum eigentlich nicht?

Weil man den Schrecken der Mauer baulich nicht rekonstruieren kann. Das Gefühl, das man etwa am Tränenpalast hatte, die Verfolgung durch die Stasi, die Angst, all das lässt sich nicht nachempfinden. Wir wollen ja auch das System, das diese Angstzustände produziert hat, nicht rekonstruieren. Wir können aber mit unserer Ausstellung zeigen, dass es Auswege aus der Diktatur gibt und auch, dass Freiheit und Menschenrechte keine Selbstverständlichkeiten sind. Das lernt man hier.

Sieht diese Mauer hier in der Bernauer Straße, mit ihrem schönen grünen Rasen, nicht allzu niedlich aus?

Sie können keine Gefühle von damals ins Heute herüberretten – egal, wie akkurat wir die Mauer zeigen würden. Das Bild, das wir vermitteln wollen, soll sich, wenn überhaupt, im Kopf zusammensetzen. Dazu dienen unsere Informationsangebote, etwa in den Stelen auf dem Gelände. Wenn Willy Brandt in seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 16. August an die Ostdeutschen Grenzsoldaten gerichtet sagt, „Lasst Euch nicht zu Lumpen machen“, dann steht das doch für sich. Dagegen stellen wir Albert Norden, den Propagandachef der SED, der von „Grenzverletzern“ spricht, die man vernichten müsse.

Wenn ich mit meinen Kindern das Stauffenberg-Museum besuche, erahnen sie den Schrecken des Nationalsozialismus. Der Schrecken der Mauer wird nicht vermittelt.

Wir haben die Mauer in einer Computeranimation rekonstruiert und dort ist auch die ihr inhärente Menschenverachtung erlebbar. Wir erzählen auch die Geschichte der Mauertoten. Es gibt jedoch einen kategorialen Unterschied: Bei der Berliner Mauer geht die Geschichte nämlich gut aus, bei Stauffenberg nicht. Wir haben eine doppelte Geschichte zu erzählen. Wir erzählen eine absolute Katastrophenbotschaft, mit den Mauertoten Peter Fechter, Chris Gueffroy und vielen anderen. Das hier ist doch auch ein Ort der Hoffnung, mit einer Botschaft: Friedliche Revolutionen sind möglich.

Warum machen Sie jetzt eine neue Dauerausstellung?

Was bislang fehlte, war die Kontextualisierung. Wir versuchen drei Fragen zu beantworten: Warum wurde die Mauer gebaut? Zweitens, warum stand sie 28 Jahre lang? Und drittens, warum fällt sie wieder? Wir fangen mit der Ausstellung im zerstörten Berlin an und gehen bis zur Wiedervereinigung. Und wir vermitteln die jeweiligen internationalen Rahmenbedingungen. Vor allem geht es stets um die Menschen, die im Zentrum stehen. Zu uns kommen viele junge Leute, oft aus dem Ausland, und die wissen nicht so gut Bescheid über die deutsche Geschichte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird die Ausstellung eröffnen...

...und wird mindestens zweieinhalb Stunden bleiben. Sie schätzt diesen Ort.

Warum war ausgerechnet die Bernauer Straße so ein beliebter Fluchtort?

Die Teilungsgeschichte war hier besonders dramatisch, weil es hier mitten durch einen Wohnbezirk ging. Hier war die Grenze an der Häuserkante. Die Häuser auf der Südseite der Straße waren im sowjetischen Sektor, der Bürgersteig vor ihnen bereits im französischen. Überall anders war die Grenze zumindest in der Mitte der Straße.

Der Historiker Michael Kubina hat die Mauer als „alternativlos“ bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Die SED hätte sich ja freien Wahlen stellen können. Das wäre die Alternative gewesen.

Das wäre dann aber auch eine kurze Geschichte der SED gewesen.

Das ist wohl richtig. Aber man darf nicht vergessen, dass die SED nicht allein handlungsfähig war, sondern dass der Schlüssel in Moskau lag und die Sowjetunion freien Wahlen nicht zugestimmt hätte. Insofern war die Mauer alternativlos, weil das Land aufgrund der vielen Ausreisenden ausgeblutet wäre. Der Mauerbau war aber keine zwingende Konsequenz aus der Teilung. Er war eine zwingende Konsequenz, damit die SED überleben konnte.

Ist das eigentlich gut, dass wir an vielen Stellen nicht mehr wissen, wo die Mauer verlaufen ist?

Ich denke schon. Es war der Wunsch, dass Berlin wieder eine normale Stadt wird, und zu einer normalen Stadt gehören keine Grenzverläufe. Für die Jugend ist es doch toll, in einer vereinten Stadt ohne Sonderstatus aufzuwachsen.