Klassik-Kritik

Wenn sich alte Instrumente ins Orchester mischen

Cembalistin Emmanuelle Haim dirigiert die Philharmoniker

Die französische Cembalistin Emmanuelle Haim, die dieser Tage die Berliner Philharmoniker leitet, hat als Spezialistin für Alte Musik und als Dirigentin gleich zwei Männerbastionen erstürmt. Mit ihrem schillernden Ensemble Le Concert d’Astrée, energisch attraktiven Barock-Interpretationen und einer Handvoll zugkräftiger Opernstars sorgte sie in den vergangenen Jahren für internationales Aufsehen. Tenor Rolando Villázon verdankt Haims illustrem Monteverdi-Projekt immerhin seinen ersten Flirt mit der historischen Aufführungspraxis. Für die preisgekrönte Nachfolge-CD „Lamenti“ konnte die Dirigentin sogar Ausnahmesopranistin Joyce DiDonato gewinnen.

Haims Fähigkeit, bahnbrechende Errungenschaften der Alte-Musik-Szene mit dem Besten traditioneller Aufführungspraxis zu durchmischen, macht die Französin auch als Gastdirigentin begehrt. Bereits 2008 gab sie ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern – mit Händels Cäcilien-Ode HWV 76. 2011 ließ sie dann ein Händel-Rameau-Programm folgen. Und nun: wieder Händel. Ein Auferstehungs-Oratorium, „La Resurrezione“ HWV 47. Es war 1708 in Rom uraufgeführt worden, wurde dann aber für gut 250 Jahre vergessen. Und noch immer ist es nicht wirklich wiederentdeckt worden. Umso verdienstvoller und mutiger ist es, dass sich die Philharmoniker auf dieses Oratorium eingelassen haben. Emmanuelle Haim pflanzt ihnen die Basso-Continuo-Gruppe ihres Ensembles Le Concert d’Astrée ein. Theorbe, Barocklaute und Viola da gamba werden umringt von modernen Celli und Kontrabässen, zwei historische Blockflöten schmiegen sich an die Querflötistin der Philharmoniker. Bewundernswert, wie selbstverständlich Solocellist Bruno Delepelaire mit der historischen Continuo-Gruppe verschmilzt. Phänomenal die Duo-Gefechte, die sich der neue Konzertmeister Noah Bendix-Balgley mit dem Gast-Gambisten Atsushi Sakai liefert. Emmanuelle Haim dirigiert vom Cembalo aus, mal stehend, mal sitzend. Ihr Körper wippt und zackt, die Musik scheint mit aller Macht in ihr zu toben.

Haim inszeniert Händels „Resurrezione“ als Kampf auf mehreren Ebenen, als Wettstreit von Sängern und von solistischen Instrumenten. Engel und Teufel bekriegen sich wegen der bevorstehenden Auferstehung Jesu Christi aufs Äußerste. Maria Magdalena und Maria Cleofe übertrumpfen sich derweil in virtuosen Trauerarien und Liebesbekundungen. Christiane Kargs sinnliche, betörend leidende Magdalena steht im krassen Gegensatz zur gruftigen Cleofe der aparten Italienerin Sonia Prina. Camilla Tilling als Engel schießt präzise Wortpfeile in die Höhe, Christopher Purves‘ Teufel reagiert mit rauem Charme und polternder Dramatik.

Gerade aus diesem Zusammenprall so verschiedener, ausdrucksstarker Sängercharaktere bezieht Händels „Auferstehung“ ihren besonderen Reiz. Und erhält in der Philharmonie eine Spannung, wie man sie ansonsten nur in der Oper erlebt. Am Enge gibt es lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten.