Ausstellung

Eindeutig, zweideutig, dreideutig

Die allerletzte Schau vor der Sanierung: „Festivals of Future Nows“ in der Nationalgalerie

Vor der Nationalgalerie sitzt eine jüngere Frau auf einer Decke auf dem kalten Boden und sammelt ihre Cents zusammen. Ein vertrautes Bild in Berlin, aber in diesem Fall handelt es sich nicht um die übliche Bettlerin, sondern um eine Künstlerin. Sie stapelt die Ein-Cent-Stücke und erzählt, dass, um die Decke der Neuen Nationalgalerie zu erreichen, sie Münzen im Wert von 49,63 Euro aufeinanderstapeln müsste. So hoch käme man jedoch nicht mit einer einzigen Reihe, 17 Zentimeter sei ihr bisheriger Rekord gewesen, was darauf schließen lässt, dass sie dieses Münzstapelding ein wenig obsessiv betreibt. Am Ende des Gesprächs fragt sie, so wie das guter Brauch in der Stadt ist, ob man noch ein paar Cent beisteuern könnte.

Die Arbeiten von 120 Künstlern werden am Freitag und Sonnabend in der Nationalgalerie zu sehen sein. Sie alle haben mit Olafur Eliasson zusammengearbeitet. Der Däne mit isländischen Wurzeln, einer der auffälligen Gegenwartskünstler, führte fünf Jahre lang das Institut für Raumexperimente der Universität der Künste, nun findet nach dem Ende des Instituts ein abschließendes Festival statt. „Festival of Future Nows“ heißt es.

Es reiht sich ein in die ausführlichen Schließungsfeierlichkeiten der Nationalgalerie. Ab kommenden Jahr wird der Mies-Bau saniert und das dauert nicht unter drei Jahre. Ab 2013 begann sie ihre Bestände letztmalig zu präsentieren, dann wurde vor Wochen „Sticks and Stones“, die Baumstämme made by David Chipperfield, als „letzte Sonderausstellung“ annonciert, kurz darauf wurde die allerletzte Ausstellung „20 Werke für das 20. Jahrhundert“, Bilder der Sammlung Pietzsch, eröffnet.

Die Baumstämme ragen immer noch in der Halle empor, sie werden gebraucht, entsteht hier doch, so Eliasson, „das kleinste Kunstwerk“ der Ausstellung. Noch ist es eine Larve, aus der eine Fliege wird. „Es entsteht neues Leben“, sagt ein Ausstellungsmacher mit gespieltem Pathos. Auch sehr klein ist ein Kunstwerk, das Eliasson zugeschickt bekommen hat – „von einem Engländer oder Schotten, da muss man vorsichtig heute sein“, wie Eliasson sagt. In dem Kuvert war eine kleine Skulptur, und der Künstler bat ihn, sie in seinen Schuh zu stecken. So lief Eliasson tagelang mit dem Gefühl eines Steins im Schuh daher. Die Skulptur ist im Übrigen nicht zu sehen. Eliasson hat sie verloren.

An einem Tisch im hinteren Bereich sind jede Menge Gegenstände versammelt: Kerzenständer, Erdkugel, Buch und Totenschädel, auch Weintrauben und Kartoffeln liegen auf dem Tisch. „Dieses klassische Stillleben ist zwei- und dreideutig gemeint“, sagt die Kuratorin. Durch „die Auseinandersetzung“ mit den Gegenständen werde „das Publikum zum Akteur“. An der „bizarren Mischung aus heiligem Ernst und losem Denken“, die Kunsthistoriker Christian Demand in der Kunstrezeption beobachtet, herrscht auch an diesem Vormittag in der Nationalgalerie kein Mangel.

„Ach, ist das erfrischend“, befindet Hausherr Udo Kittelmann, die ersten Projekte hätte er erst am Morgen gesehen und doch seien ihm schon die ersten „lichten Gedanken“ gekommen. Stolz sind die Macher, dass diese Ausstellung ein „Prozess“ sei und sich immer wieder verändere. Auch würde das Publikum dazu aufgefordert werden, zu hinterfragen, ob das Objekt, die Performance nun Kunstobjekt sei oder nicht. Die Frage nach den Grenzen der Kunst elektrisiert zumindest die Kunstschaffenden selbst knapp 100 Jahre nach Duchamps „Fontaine“.

Als die Journalisten weg sind, pirscht sich ein älteres Ehepaar mit Neugierde an einen Wachmann. Er kann nicht weiterhelfen: „Aber was das jetzt genau ist, kann ich Ihnen auch nicht sagen.“ Das Ehepaar geht die Treppe runter, zu den Surrealisten, die einem heute so vertraut sind wie vielleicht (sehr vielleicht) eines Tages die gemeine Hausfliege als Kunstobjekt.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Festival of Future Nows, 31. 10. und 1. 11, 10–22 Uhr.