Jubiläum

Die widerspenstige Bühne

Sie lässt sich nicht unterkriegen: Die Komödie am Kurfürstendamm wird 90 Jahre alt

Die Komödie am Kurfürstendamm sollte eigentlich ein Kino werden. Im Auftrag der Tattersall AG errichtete Oskar Kaufmann 1922-24 auf dem Grundstück Kurfürstendamm 206/07 ein fünfgeschossiges Geschäftshaus. Die Fassade hatte expressionistischen Schwung, hofseitig war ein Lichtspieltheater für 1500 Zuschauer geplant. Der Rohbau stand schon, als der Theaterprinzipal Max Reinhardt, der in Berlin bereits das Deutsche Theater und das Große Schauspielhaus betrieb, Interesse an einem weiteren Haus im boomenden Westen der Stadt zeigte. Ihm fehlte eine Bühne für Komödien und leichte Gesellschaftsstücke – und er wollte am neuen Boulevard präsent sein.

Also wurde umgeplant. Architekt Kaufmann legte den Fußboden tiefer, um die notwendige Raumhöhe für einen zweigeschossigen Theaterbau zu gewinnen und schuf ein elegantes, intimes Boulevardtheater mit knapp 500 Plätzen. Die Logen waren Sponsoren vorbehalten, sie verfügten über einen Vorhang und konnten zu einem Chambre séparée umgewandelt werden. Die Stadt war nach den vielen politischen und ökonomischen Krisen amüsierwillig. Im Anschluss an die abendlichen Aufführungen wurden Revuen gegeben, die Nachtvorstellungen begannen um 23 Uhr.

Der „Berliner Börsen-Courier“ machte auf eine gesellschaftliche Funktion aufmerksam, die vom höfischen Theater übernommen wurde. „Natürlich ist die Bühne in einem Theater das wichtigste, aber dass die Zuschauer ein Recht haben, nicht nur zu sehen, sondern auch gesehen zu werden, das ist eine für uns ziemlich ungewohnte Forderung. In Oskar Kaufmanns jüngster Theaterschöpfung ist dieser Satz befolgt. In diesem Theater ist der Zuschauerraum das wesentliche, ein eleganter Gesellschaftssalon, auf dessen Bühne auch ein wenig Theater gespielt werden kann.“

Mit Goldonis „Der Diener zweier Herren“, selbstverständlich eine Inszenierung des Hausherren, wurde das Haus am 1. November 1924 eröffnet. Ein Ereignis. Tout Berlin war gekommen, auch politische Prominenz der Weimarer Republik: Reichskanzler Wilhelm Marx und Außenminister Gustav Stresemann saßen in den Proszeniumslogen beiderseits der Bühne, im Zuschauerraum viele Frack- und Fliegenträger neben elegant gekleideten Damen.

Gala zum Geburtstag

Das wird etwas anders aussehen, wenn am 19. November der Geburtstag mit einer Jubiläumsgala und der Wiederaufnahme des Stücks „Eine Sommernacht“ mit Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen gefeiert wird. Kulturstaatssekretär Tim Renner und Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann haben sich angekündigt, sie wollen Grußworte sprechen. Man kann davon ausgehen, dass auch die Zukunft des Theaters zur Sprache kommt, denn die steht in den Sternen.

So wurde im benachbarten Theater am Kurfürstendamm vor acht Jahren der 85. Geburtstag nur deshalb gefeiert, weil man damals gedacht hat, dass beide Bühnen ein Jahr später abgerissen werden würden. Beide stehen heute noch, sind aber weiterhin bedroht. Für Direktor Martin Woelffer keine angenehme Situation. Es erschwert die Planung, es behindert Investitionen, auch wenn derzeit etwas Ruhe eingetreten ist. Das Kudamm-Karree, in dem beide Theater liegen, gehört einem irischen Investor. Der wollte die Immobilie ursprünglich umbauen lassen, es gab einen Entwurf des Architekturbüros von David Chipperfield, der einen Theaterneubau im ersten Stock vorsah. Das alles liegt aber schon eine Weile zurück, passiert ist seitdem wenig.

Auf einen „teuren Theaterneubau“ würde Martin Woelffer gern verzichten: Statt dessen „könnte man die „Komödie wieder so herrichten, wie sie einmal war“, also beispielsweise die Malereien im Inneren des Zuschauerraum zwischen den Logen rekonstruieren. „Damit könnte sich ein Investor ein Denkmal setzen“, sagt der Theaterdirektor. Die Komödie am Kurfürstendamm hatte den Krieg relativ gut überstanden. 1946 wurde das Haus mit „Kabale und Liebe“ wiedereröffnet, das Gestühl war zusammengewürfelt, es stammte aus ausgebombten Theatern und Kinos.

Anfang der 50er-Jahre hat Hans Wölffer, der Großvater des heutigen Direktors, die Komödie übernommen, er hatte das Haus bereits ab 1934 bespielt, nachdem zuvor die Leitung binnen zweier Jahre sieben Mal gewechselt hatte. Max Reinhardt hatte sich 1932 aus der Direktion seiner Bühnen zurückgezogen, die Nazis vertrieben den jüdischen Theatermann in die Emigration. Reinhardt ging erst nach Österreich und siedelte 1937 in die USA über.

Die Stars treten live auf

1968, auf dem Höhepunkt der Studentenproteste, wurde in der Komödie die Nachtbespielung wieder aufgenommen. Es gab politisches Kabarett, unter anderem trat Wolfgang Neuss, der „Mann mit der Pauke“, auf. Anfang der 70er-Jahre wurde das Kudamm-Karree errichtet. Eine Zäsur: Die Komödie und das drei Jahre ältere Theater am Kurfürstendamm wurden umbaut. Den Bühnen hatte das zunächst nicht geschadet, das goldene Zeitalter des Boulevards brach an, fast jedes Stück wurde aufgezeichnet und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Eine tolle Werbung für die Kudammbühnen, denn dort traten die Stars live auf: Harald Juhnke, Günter Pfitzmann, Georg Thomalla, Inge Meysel, Rudolf Platte oder auch Curd Jürgens.

Als der 1975 seinen 60. Geburtstag nach einer Vorstellung im gegenüberliegen Bristol feierte, „wurde der Kudamm abgesperrt“, erzählt Martin Woelffer, der die Leitung der Bühnen vor zehn Jahren von seinem Vater Jürgen übernahm. In unruhigen Zeiten. Ende 2004 kündigte die Deutsche Bank als damaliger Eigentümer des Kudamm-Karrees die Mietverträge. Es gab Demonstrationen für den Erhalt der Bühnen, die Bank verkaufte schließlich die Immobilie weiter, mittlerweile gehört sie der irischen Ballymore Group. Zukunft ungewiss. Martin Woelffer erklärt trotzig: „Wir bleiben!“ Er hofft, dass in der Komödie auch noch der 100. Geburtstag gefeiert wird.