Schriftsteller

Lies gefälligst sorgfältig, Leser!

Ein Sprachmeister war Max Goldt schon immer. Sein neues Buch ist auch große Buchstabenkunst

Wer sich in dieses Buch vertieft – und man muss sich darin vertiefen, man kann es nicht einfach mal überfliegen, durchscannen oder, wie Journalisten leider gerne sagen, „ein bisschen reinlesen“ – wer sich also in dieses Buch vertieft, der wird sofort ein Bedürfnis in sich bemerken: die Tür zu schließen, das Handy auszuschalten, Stille für die nächsten Stunden herzustellen. Sich zu konzentrieren.

Das versteht sich bei Max Goldts Texten ja eigentlich von selbst. Kaum ein Schriftsteller deutscher Sprache schreibt syntaktisch derart kunstvolle Wendungen, niemand pflegt einen so reichhaltigen Wortschatz oder beherrscht eine so nuancierte Ironie. Die ersten Sätze dieses bemerkenswerten Buches etwa lauten so: „Worum geht es bei einer Busball-Waldmeisterschaft? Darum, mit einem ganz normalen ÖPNV-Bus einen Ball in ein gegnerisches Tor zu schieben. Bei allerhöchstens 5 km/h. Schneller geht es auch nicht wegen der Bäume. Findet ja mitten im Wald statt, der vermeintliche Spaß. Nein, der Name Waldmeisterschaft ist nicht auf das leicht giftige Bowlenkraut zurückzuführen. Ja, der Torwart sitzt auch in einem Bus.“

Goldt hat nur ein paar Buchstaben vertauscht, aber der Effekt ist erstaunlich. Aus einem Sportturnier, das jedes Kind kennt, ist eine komplett surreale Veranstaltung geworden. Sie gibt ihm zudem die Chance, das schöne Wort „Bowlenkraut“ zu platzieren. Man kann diesen kurzen Text sogar programmatisch verstehen: In dem Buch mit dem seltsamen Titel „Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken“ geht es nicht um eine linear erzählte Geschichte, sondern um Assoziationen, Gedankenschnipsel, Meinungen, Kapriolen. Aber die gibt es nicht ohne Aufmerksamkeit: Wer flüchtig „Fußball-Weltmeisterschaft“ gelesen hat, dem hat Goldt mit Wucht das Stoppschild der Irritation vor die Stirn geknallt.

Lies gefälligst sorgfältig: So wie Max Goldt auf seinen Lesungen die Räusperer, Handybenutzer und Bierflaschenklimperer schon bis an den Rand des Eklats gemaßregelt hat, so fordert er auch vom einsamen Leser bedingungslose Zuwendung. Alle Bücher des Kleist-Preisträgers, dem oft Etiketten wie Alltagsbeobachter, Kolumnist oder Satiriker aufgeklebt werden, handeln von der Sprache und den irren Dingen, die in der Sprache dauernd passieren. Dieses Buch aber, und das macht es so ungewöhnlich, handelt auch von den Buchstaben, aus denen Sprache gemacht ist – nein, genauer: von dem Verhältnis zwischen sprachlichem Sinn und seiner typographischen Form.

Dazu muss man etwas ausholen. Der flammende Buchliebhaber und Bleisatzfreak Martin Z. Schröder ist einer der ganz wenigen Drucker in Deutschland, die Bücher noch von Hand anfertigen. Er fragte Goldt 1996 in einem Brief, „ob ich einige seiner Texte in meiner Wohnungswerkstatt auf Postkarten drucken dürfe“. Einige Jahre, Druckmaschinen und -standorte später waren – in den für Bibliophiles typischen Kleinauflagen – vier typographische Sammlerstücke entstanden, die dieses Buch nun in Kopie bereitstellt. Schröder ist dabei viel mehr gewesen als nur das Medium eines Autors, dessen Texte möglichst störungsfrei beim Leser ankommen sollen. Er war der Regisseur des Autors, er bestimmte mit über Wirkung, Rhythmus und Pointen. „Schriftsetzer, Buchdrucker und Schriftsteller fühlen sich naturgemäß verbunden, sie haben ein gemeinsames Ziel: das gelungene Buch“, schreibt Schröder im Vorwort. „Aber ich kenne kein Beispiel für unsere Art der Zusammenarbeit in der bibliophilen Geschichte, nämlich dass eigens für die typographische Interpretation Texte verfasst und dem Entwerfer überlassen wurden.“

Ähnlich wie der Zeichner Stephan Katz die Ideen, Geschichten und Texte Goldts schon seit Jahren in lustige, vielschichtige Comics übersetzt, macht Schröder mit Kanzleifrakturen und historischen Groteskschriften auch zu optischen Glanzstücken.

Goldt parodiert etwa den unbeholfenen und schlampigen Duktus, in dem heute leider viele Restaurantkritiken verfasst werden: „Ein von der Idee her absolut geniales Lokal. Von sahnig-fruchtig-schokoladig über trendy-asiatisch-flippig mit einer gehörigen Portion Crossover-Anmutung, auf jeden Fall aber vom Allerfeinsten, wenn auch nicht mega-feudal von der Einrichtung her, aber in seiner ganzen Kuscheligkeit doch irgendwie ein Hingucker. Italienisch mag halt eh jeder, und man lässt sich natürlich auch von der ganzen Atmosphäre her inspirieren, also von daher würde ich sagen: Volle Punktzahl.“ Der Text ist ein Alptraum in Prosa, eine einzige Fahrt durch die Phrasengeisterbahn. Schröder gibt ihm mit verschiedenfarbigen Zentenar-Frakturbuchstaben die Gestalt einer mittelalterlichen Urkunde. Grotesk übertriebene Floskeln stolzieren in hochoffizieller Kleidung: Das ist schon ziemlich witzig.

Humor ist Max Goldts größte Stärke, dieses Buch ist ein weiterer Beweis dafür. Man freut sich andauernd – über fiktive Bandnamen wie „Teenage Permafrost Guru“ oder die Frage „Sind wir denn nur in Cordbettwäsche etwas wert?“ genauso wie über all die kurzen Texte voller verblüffender Wendungen und von manchmal verstörend schöner Poesie. Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann und eines, das schön ist wie sonst viel zu wenige.

Max Goldt: Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken. Faksimile vierer typgraphischer Sammlerstücke. Inszeniert von Martin Z. Schröder. Rowohlt Berlin, 144 Seiten, 25 Euro.