Literatur

Zwischen Trauma und Selbstironie

Hape Kerkeling stellt seine Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ vor

Er hat noch kein Wort gesagt, da tobt der Applaus schon frenetisch. „Sie machen mir so viel Spaß! Ich weiß schon, warum ich in Berlin lebe“, sagt Hape Kerkeling später. Man glaubt es ihm aufs Wort. So viel Liebe und Zuneigung, Neugier und Spannung dampft 80 Minuten lang aus dem Zuschauerraum des Schlosspark Theaters zur Bühne herauf, dass beide Seiten irgendwann ziemlich beschwipst wirken.

Eigentlich ist Kerkeling gekommen, um aus seinem neuen Buch „Der Junge muss an die frische Luft – Meine Kindheit und ich“ zu lesen. Das erste, sein Pilgerbericht „Ich bin dann mal weg“, wurde zum Bestseller. Auf 311 Seiten erzählt Kerkeling äußerst herzerwärmend vor allem aus seinen ersten Lebensjahren im Ruhrpott, die durchaus keine einfachen waren: Seine Mutter nahm sich nach schweren Depressionen das Leben, da war er acht Jahre alt. Er habe dieses Buch schreiben wollen, weil die Kindheit Basis für alles Spätere sei. Und weil viele ihn für ein Sonntagskind hielten.

Eigentlich, so erklärt er im Vorwort des Buches, sei er ja das Gegenteil einer Rampensau, er mag es eher ruhig und beschaulich. Das macht ihn einerseits kreuzsympathisch. Wie er da steht auf der leeren Bühne, besonders gerne Witze über sich selbst macht, sein Gewicht (ja, er hat ordentlich zugenommen), seine Lesebrille, da muss man ihn einfach mögen. Da ist er der Typ „bester Freund“, voll gelassener Ironie. Selbst wenn er mal ins Publikum grätscht, hat sein Witz immer eine Leichtigkeit, die nie verletzt. Andererseits kann man ihm kaum glauben, dass er nur ungern im Mittelpunkt steht. Wie er hier, allein mit dem Mikrofon in der Hand, an der Rampe zur Hochform aufläuft, wie er zahllose Pointen improvisiert und dennoch – wie im Buch – immer wieder zu ehrlichen, bewegenden Tönen zurückfindet, das ist großes Entertainment.

„Ach, wat wollt ick? Ja, lesen“, fällt ihm irgendwann auf. Klug hat er zwei Kapitel gewählt, die ziemlich komisch sind. Das eine erzählt davon, wie er im Krämerladen seiner Oma Änne als kleiner dicker Buddha auf dem Verkaufsaltar thronte und sich in der Beobachtung und Nachahmung übte. Eine Schule fürs Leben: Am Ende muss eine Geschichte immer einen Lacher haben. Der zweite Ausschnitt erzählt vom urkomischen Versuch seiner Großtante, seinen inzwischen verwitweten Vater zu verkuppeln.

Kerkeling schreibt, wie er spricht – saftig, zupackend, nah am Menschen. Und voller Dialoge, die natürlich am besten sind, wenn er sie vorliest, mit all den schrägen Stimmen und Dialekten. Manche Gesten unterstreicht er mit der linken Hand, ein Colliergriff hier, eine Gelenkpirouette da. Das macht Spaß.

Noch packender ist die fluffige Kerkeling-Liveshow, die sich zwischendrin entspinnt: „Interaktiv is dit hier“, kündigt er schon zu Beginn an – schließlich hätten die Berliner die Kommunikation erfunden. Und tatsächlich: Zwischen den beiden Kapiteln stellen die Menschen Fragen, rufen sie bis zur Bühne hin – das funktioniert auch ohne Mikro und Moderator.