Literatur

„Eine Identität findet man zunächst in sich selbst“

Dorota Danielewicz hat einen Roman über ihre Suche nach der Seele Berlins geschrieben

Als Dorota Danielewicz am 3. Juni 1981 zum ersten Mal nach Berlin fährt, kommt ihr die von einer Mauer umgebene Stadt schrecklich vor. Mit der Einfahrt am Bahnhof Zoo erfährt sie, dass sie ab jetzt hier leben soll. Dass es für die Familie kein Rückfahrticket nach Polen gibt. Noch schlimmer: dass eine Rückfahrt wegen des Eisernen Vorhangs schlichtweg unmöglich ist. Das Einzige, was sie damals von der Berliner Realität begreifen kann, sind Schuhe, Unmengen von Schuhen auf vollgestopften Ständern und in Schaufenstern rund um den Bahnhof Zoo. Danielewicz spricht die Sprache nicht, Freunde, Hoffnungen, Lebensentwurf – alles bleibt in Posen. Vom Bahnhof Zoo geht es in ein Auffanglager an der Marienfelder Allee, einem Ort, an den Danielewicz auch noch lange danach nicht zurückkehren kann. Mittlerweile lebt die Autorin seit 33 Jahren in Berlin und aus dem anfänglichen Schrecken ist Liebe geworden. Über diese Liebe hat sie jetzt einen Roman geschrieben.

„Auf der Suche nach der Seele Berlins“ (Europa Verlag, 240 Seiten, 18,99 Euro) beginnt auf dem Steglitzer Markusplatz und dorthin führen die Geschichten auch immer wieder zurück. Ein Platz als Bezugspunkt im Großstadtdschungel. Es ist ruhig hier, eine ältere Dame führt ihren Hund spazieren. Die Beete sind frisch begrünt und am Ende des Platzes steht eine bunt bemalte Telefonzelle, die von Anwohnern installierte „BücherboXX“. „Seitdem ich begonnen habe, über den Markusplatz zu schreiben, ist einiges passiert“, erklärt Dorota Danielewicz. Sie ist stolz auf ihre Nachbarschaft, Kiez klingt fast schon zu urban für diese beschauliche Ecke. Wer hier sitzt, wähnt sich auf dem Land, dabei ist der turbulente Steglitzer Damm nebst Currywursttourismus nur eine Parallelstraße entfernt. Ihr Roman verbindet diese Pole: Er gibt dem manchmal so undurchdringlich wirkenden Hauptstadt-Moloch einen heimeligen Charakter und vermittelt gleichzeitig das Weltstadtflair des Großstadtdschungels.

Probleme eines Flüchtlingskindes

Der Roman erzählt von einer ganz persönlichen Reise, von den Schwierigkeiten eines Flüchtlingskindes, der Suche nach der eigenen Identität, davon, wie schwierig es ist, Vertrauen in eine fremde Stadt und vor allem zu einer fremden Sprache aufzubauen. Weil sie sich in Berlin nicht auskannte, fuhr Dorota Danielewicz anfangs nur unterirdisch durch die Stadt, durch erste Freundschaften kam schließlich ihre Neugier zurück und vor allem auch der Mut, endlich Deutsch zu sprechen. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass der Roman auch eine Liebeserklärung an die Stadt ist. Wer diesen Roman liest, der erfährt, dass es der Balkon des Schöneberger Rathauses war, auf dem Kennedy seinen berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ deklamierte, dass um 1880 im Berliner Zoo Menschen als „Eingeborene“ ausgestellt wurden oder dass im neumodisch anmutenden Steglitzer Kinokomplex Titania-Palast einst Stars wie Marlene Dietrich und Josephine Baker auftraten. Charmant schlägt Danielewicz große Bögen, von der Band Tangerine Dream über den polnischen Diplomaten Atanazy Raczyński bis hin zur Gulaschsuppe in der „Dicken Wirtin“. Als Danielewicz als junges Mädchen vor der Suppe in der „Dicken Wirtin“ saß, war sie noch etwas verschüchtert. Heute hat sie einen Blick, der so fest ist wie ihr Händedruck. „Wir leben hier auf Sand, genauer gesagt auf Quarz. Dieses besondere Material beeinflusst uns in unserer Kreativität“, konstatiert sie. Der Berliner Sand bildet scheinbar die perfekte Grundlage für Danielewicz, die schon mit zehn Jahren beschlossen hat, Journalistin oder Autorin oder beides zusammen zu werden. Nach einem Studium der Ethnologie und Slawistik an der Freien Universität Berlin lebte sie einige Monate in New York, wo sie bei der Uno tätig war. Zurück in Berlin begann sie als Rundfunkjournalistin zu arbeiten, durch einen Studienkollegen landete sie bei Radio Multikulti, arbeitete für den Rundfunk Berlin Brandenburg und ist heute als Filmlektorin und Publizistin tätig. Ihr Credo lautet: „Glück ist eine Sache der Entscheidung, egal was passiert.“ Und manchmal entscheidet man sich eben gegen das Glück. Eines Abends, es ist ein typisches Berliner Schmuddelwetter, wird Danielewicz von einem Freund eingeladen, sie soll ihn zu einem Filmdreh begleiten. Ein Konzert soll stattfinden und es werden Statisten gebraucht. Aber es ist kalt, und der Weg ist zu weit, sie lehnt ab. „Im Kino in New York habe ich dann Wenders Film ,Himmel über Berlin‘ gesehen und meinen Freund während der Nick-Cave-Szene in der ersten Reihe entdeckt!“

Liebe auf den dritten Blick

Es hat gedauert, bis aus dem polnischen Mädchen Dorota eine Berlinerin geworden ist. „Mein Verhältnis zu Berlin, das ist Liebe. Aber nicht auf den ersten oder auf den zweiten Blick. Es ist eine Liebe, die über die Jahre zu mir gekommen ist.“ Die Frage, ob man sich als Zugezogener überhaupt anmaßen darf, Berliner zu werden angesichts der Verdrängung, die in trendigen Vierteln Gentrifizierung genannt wird, hat sich Danielewicz nie gestellt. „Eine Identität findet man zunächst in sich selbst. Man trifft eine Entscheidung, die nicht von Außenstehenden beeinflusst werden sollte. Egal, ob man drei Monate oder 33 Jahre hier ist.“ Der Besitzerin des Cafés, in dem wir sprechen, hat sie rosarote Blumen mitgebracht, weil heute ihr Geburtstag ist. „Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich Berlin oder Steglitz“, berichtet sie mit ihrem polnischem Akzent und grüßt eine Freundin, die zufällig auch gerade in den Laden kommt. „Woher komme ich denn sonst?“

Dorota Danielewicz hat sich ihre Neugier auf Berlin bewahrt, ihrem Blick auf die Stadt und den Ausgehtipps sollte man unbedingt folgen. Für das Moussaka, das uns in der liebevoll eingerichteten Epicerie „Bon Appetit“ aufgetischt wird, lohnt sich ein Besuch in Steglitz, auch die Krasseltsche Currywurst aus dem Roman ist ihre Wartezeit in der Schlange wert. Zum Abschied empfiehlt mir Dorota Danielewicz zwei Orte in meiner Nähe. Eine kleine Buchhandlung nebst Café und eine Bar, in der Travestiekunst an der Tagesordnung und spontane Konzerte nicht ausgeschlossen sind. Orte, in denen Splitter der Berliner Seele aufs Einsammeln warten.