Interview

Nicht ich – die anderen haben Angst

Dieter Nuhr ist eigentlich für seine leise Ironie bekannt. Nun wird er von einem Muslim angezeigt

Eigentlich ist der Kabarettist Dieter Nuhr kein Mann mit der Pauke, kein Trommler für eine politische Botschaft, die sich als ewiger Merkel-Witz tarnt. Seine Sottisen sind eher fein ziseliert: Ironie mit dem kleinen Besteck. Umso größer seine Überraschung, dass er nun als „Hassprediger“ beschimpft und wegen einiger Sätze zum Islam – „Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann habe ihn geschrieben“ – angezeigt wurde: Wegen „Beschimpfung von Bekenntnissen und Religionsgesellschaften“.

Berliner Morgenpost:

Wie haben Sie von dieser Anzeige des Erhat Toka überhaupt erfahren?

Dieter Nuhr:

Das hat mir jemand erzählt. Ich glaube, meine Agentur hat es mir mitgeteilt. Eine offizielle Anzeige habe ich nie erhalten.

Und was sagen Sie nun dazu?

Ich habe ja Humor. Insofern kann ich damit umgehen. Ich finde es lustig, weil ich ja keine Religionsgemeinschaft beschimpfe. Ich habe kein Interesse daran, Muslime zu beschimpfen. Im Gegenteil. Ich habe gar keine Idee, was er meint. Ich habe das Video erst mal angucken müssen, auf das er sich bezieht. Das ist uralt, ich kannte es schon gar nicht mehr so richtig. Natürlich beschimpfe ich keine Glaubensgemeinschaft. Es geht um den Umgang mit Andersdenkenden.

Sie werden mit dem Satz zitiert, im Islam sei die Frau zwar frei, aber in erster Linie davon frei, alles entscheiden zu müssen. Was ist daran antiislamisch?

Das habe ich auch nicht verstanden. Ich finde aber einen anderen Satz noch viel wichtiger, dass der Islam nur da tolerant ist, wo er nicht an der Macht ist. Auch darüber war man beleidigt. Ein Gegenbeispiel hat mir bisher aber auch noch niemand nennen können.

Haben Sie eigentlich schon mal eine solche Anzeige bekommen?

Nein. Nicht, dass ich wüsste.

Es fällt auf, dass Sie, neben Andreas Rebers und ganz, ganz wenigen anderen, überhaupt den Islam zum Gegenstand von Satire machen.

Kabarettisten versuchen gern, das Klischee vom aufgeklärten Menschen zu erfüllen. Das ist aber in vielen Fällen nur ein Geschäftsmodell. Sonst würden sich die Kabarettkollegen anders verhalten. Ich habe kein Verständnis dafür, dass die bei uns lange erkämpfte Meinungsfreiheit nicht mehr ernst genommen wird, wenn sich Islamisten dagegenstemmen. Da stehen offenbar Wertekonflikte im Raum. Man will ausländerfreundlich sein, man will aber auch Meinungsfreiheit. Und man will frauenfreundlich sein, aber auch islamfreundlich. Da gibt es dann eben Konflikte zwischen den einzelnen Werten. Und die Kollegen gehen dann gern den Weg, der nicht wehtut. Die ziehen dann halt den Schwanz ein. Sonst wäre man ja „islamophob“.

Auch Kollegen wie Harald Schmidt und Eckart von Hirschhausen haben ja recht offen gesagt, dass sie da lieber die Finger von lassen. Weil sie einfach Angst haben.

Ich lege mich auch nicht gern mit denen an.

Haben Sie jetzt auch Angst?

Ich habe keine konkrete Angst. Ich beleidige ja auch weder die Religion noch den Propheten. Außerdem: Ich bin auch nicht wichtig genug, glaube ich. Ich habe auch keinerlei Ehrgeiz, als große Speerspitze des Antiislamismus dazustehen. Natürlich bekommt man auch die Freunde auf der falschen Seite. Das ist sehr unangenehm. Ich würde mir wünschen, dass wir so etwas hätten wie eine Bürgergesellschaft, die gemeinschaftlich sagt, wir haben bei uns Meinungsfreiheit, wir haben bei uns Bürgerrechte, die lassen wir uns nicht nehmen.

Und die sehen Sie bedroht?

Die freiheitlichen Rechte sind immer bedroht, von verschiedener Seite. Das geht bei Big Data los und hört bei religiösen Eiferern auf. Die Freiheit muss man immer wieder neu erkämpfen. Interessant ist, dass es bei Big Data einen großen Aufstand gibt, weil es bequem ist, dagegen zu sein. Beim Islam aber überlässt man den Protest den Rechten.

Aber die Debatte wird weitergehen. Wird das Klima fürs Kabarett schwieriger?

Ich habe noch nie so viel Zuspruch bekommen wie in den letzten Stunden. Ich habe gar nicht den Eindruck, dass das polarisiert. Ich kriege fast ausschließlich positive Rückmeldungen.

Aber nicht von Kollegen, sondern vom Publikum, von normalen Leuten.

Ja. Also von denen, auf die es ankommt. Auf Facebook zum Beispiel. Das waren noch nie so viele Leute. Mein Beitrag dazu hat fast zwei Millionen Menschen erreicht. Das ist ja auch schon fast beängstigend. Ich suche die Polarisierung gar nicht. Ich bin eigentlich ein Typ, der es gerne nett hat mit den Leuten. Und der auch ergebnisoffen diskutiert. Ich kann auch ganz gut zugeben, wenn ich mich geirrt habe. Ich bin überhaupt kein Typ, der gerne provoziert. Das interessiert mich nicht.

Das Wort Hassprediger würden Sie auf sich also nicht anwenden wollen?

Da habe ich wirklich gelacht.

Der Beschwerdeführer ist ja offenbar Salafist.

Angeblich ja. Wenn der mich als Hassprediger bezeichnet, dann ist das vom humoristischen Standpunkt aus gesehen natürlich eine tolle Leistung.