Konzertkritik

Nächtlicher Blues für den Kreuzberger Festsaal

Die Goldenen Zitronen regen sich auf und spielen im Astra

Der Festsaal Kreuzberg war so etwas wie ein Lieblingsladen in Kotti-Nähe. Er hatte sich etwas vom Alternativ-Improvisierten bewahrt, das Berlin so spannend macht. Dann brannte er aus. Ein Jahr ist das her und täglich scheint es unwahrscheinlicher, dass das Gebäude in der Skalitzer Straße nochmal als Veranstaltungsort geöffnet wird. Der Besitzer plant ein Bürogebäude davorzusetzen, da bleibt für den türkischen Hochzeitssaal kein Platz.

Am Freitag gab es daher eine Festsaal-Gala im Astra Kulturhaus, im Exil. Gustav, eine der avanciertesten Pop-Frauen aus Österreich, präsentiert ihre politischen Punk-Chansons mit voller Band: Musik aus Störgeräuschen und Computerspielsounds, mit dickem Bass, wühlender Gitarre, klarem Klavier. In ihrem kleinen Hit „Verlass die Stadt“ singt sie: „Nur eine Frage der Zeit/ bis der nächste Stadtteil brennt“, und später, passend zum Anlass: „Die Sponsoren laufen heiß/ Verträge laufend annulliert.“ Auch Aufmunterndes hat Gustav dabei: „Sprichst du von Aufbruch oder Untergang?“ Sie tanzt, wild und elegant, nimmt einen Schluck Whiskey und spielt ein Lied, das ihre Oma, sagt sie, ihr früher zum Einschlafen gesungen hat: „Ich hab Welt und Himmel schon einstürzen sehen/ doch regt und bewegt sich’s stets weiter.“ Ein Weltkriegs-Blues für den Festsaal.

Die Goldenen Zitronen aus Hamburg machen seit den 90er-Jahren mit die avantgardistischste, zugleich tanzbarste Musik der Republik. Ted Gaier, der beste Rhythmusgitarrist, steckt in einem Caesar-out-of-Space-Kostüm, Sänger Schorch Kamerun in einem Pyjama-Oberteil. Kamerun bellt: „Hier spricht der Investor“, Schlüsselbegriff des Abends. „Warum verschwinden überall die Leben, die ich zum Leben brauche?“, fragt er. Keine Antwort. Irgendwie schaffen es die Zitronen, bei aller Kritik an den Verhältnissen gute Laune zu verbreiten. Sie haben diesen Hafenhumor, mit dem sie das Sprachgeröll der Gegenwart durch den Fleischwolf jagen und daraus Sachen generieren. Andreas Dorau kommt. Er schwingt die Hüften, als gälte es, ein Altersheim zu animieren. Er singt über Sternbilder, Schande und Stimmen in der Nacht. Als hätte Roland Kaiser LSD genommen. Auf dem Nachhauseweg liegt der Festsaal da, geschwärzt und dunkel. Drum herum tobt das Kreuzberger Nachtleben.