Roadmovie

Eine Reise in den Tod

Der Film „Hin und weg“ behandelt das Reizthema selbstbestimmtes Sterben auf unterhaltende Art. Darf man das?

Die Bombe platzt nach einer Viertelstunde. Eigentlich ist „Hin und weg“ ja ein Roadmovie. Und ein Radmovie. Bei dem ein paar alte Freunde wie seit 15 Jahren zusammen auf eine Radtour gehen. Dass einer von ihnen, Hannes (Florian David Fitz), sich gleich anfangs sichtlich am Heimtrainer überanstrengt, lässt den Zuschauer schon etwas stutzen. Wenn dann die anderen eintreffen und zusammen in die Pedale treten, bleibt Hannes oft zurück. Und seine Frau Kiki (Julia Koschitz) schaut immer ein wenig besorgt. Aber dann machen die sechs Freunde ihre erste Station bei Hannes’ Mutter (Hannelore Elsner) auf dem Land. Und die fängt unvermittelt an zu weinen.

Gleich doppelt aktuell

Hannes, so kommt heraus, ist unheilbar krank. Wie einst sein Vater. Und er würde auch genauso qualvoll sterben. Wenn der Mittdreißiger nicht eine Entscheidung getroffen hätte. Das Reiseziel Belgien nämlich ist nicht zufällig gewählt. Dort ist, im Gegensatz zu Deutschland, Sterbehilfe erlaubt. Und die will er in Anspruch nehmen. Nur hat Hannes das bislang lediglich seiner Mutter und seiner Frau erzählt. Nicht aber seinen Freunden und nicht seinem Bruder, die nun völlig betreten am Tisch sitzen.

„Hin und weg“ nimmt seinen salopp klingenden Titel erschütternd wörtlich. Christan Züberts Film ist dabei gleich auf doppelte Weise von erschreckender Aktualität. Zum einen handelt es sich bei Hannes’ Leiden um ALS, jene seltene, bislang unheilbare Nervenkrankheit, die durch die Ice Bucket Challenges, der Eiskübel-Aktion, der sich zahllose Prominente (darunter auch Florian David Fitz selbst) unterzogen haben, bekannt geworden ist. Konzipiert und geschrieben, lange bevor die weltweite Aktion begann, wirkt diese jetzt wie die Gratis-Werbung zu dem Film (oder auch andersherum). Vor allem aber geht es um selbstbestimmtes Sterben. Suizide von Prominenten wie dem Fußballer Robert Enke oder Hollywoodstar Robin Williams heizen die öffentliche Diskussion über das Reizthema immer wieder an. Ebenso wie vor zwei Wochen der Freitod des ehemaligen MDR-Chefs Udo Reiter, der stets das Recht auf ein selbstbestimmtes Ende („Mein Tod gehört mir“) eingeklagt hat. Unter Bundestagsabgeordneten wird derzeit heftig über Sterbehilfe gestritten. Eine Lockerung des hiesigen Verbots steht allerdings in weiter Ferne. Auch wenn immer mehr Menschen, aus Angst vor Demenz oder langen, schmerzvollen Krankheiten, auf ein Umdenken hoffen.

Ein Film wie dieser, noch dazu besetzt mit vielen Stars, denen dieses Thema wichtig ist, ist da vielleicht genau richtig. Weil er das Reizthema nicht abstrakt behandelt, sondern an einem ganz individuellen Fall abrollt. Das haben schon Filme wie „Das Meer in mir“ oder Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ getan. Züberts Film ist anders, weil er über weite Strecken als Komödie funktioniert. Weil die Freunde, nachdem der erste Schock verdaut ist, doch weiterradeln, den letzten Weg gemeinsam gehen wollen. Und dabei – um zu verdrängen, aber auch, um das Zusammensein noch einmal bewusst zu erleben – sich Schlammschlachten liefern oder kindische Scherzaufgaben stellen. Ein paar der Szenen sind dabei ganz lustig, wenn Jürgen Vogel etwa eine Travestienummer in einer Dorfdisco hinlegt. Wenn Johannes Altmayer und Victoria Mayer aber ihre Eheprobleme im Swingerclub lösen, ist das eher zum Fremdschämen.

Das Ende aber ist so sicher wie der Fahrradplatten auf der Strecke. Und wirkt vielleicht um so schockierender, weil es vorher auch Szenen gab, die, man wagt es kaum auszusprechen, komisch waren. Zübert lässt nichts aus und schont sein Publikum nicht. Die Frage, die nun womöglich aufbricht, ist eine typisch deutsche. Darf man das denn, so ein Thema unterhaltsam aufbereiten?

Der Film erwischt dich kalt

„Ich finde ja“, sagt Julia Koschitz. Jegliche Hinwendung auf das Thema Sterben erleichtere den Umgang: „Warum nicht auch auf eine leichtere, auch unterhaltende Art?“ „Ich glaube, man darf im Kino fast alles“, pflichtet auch Jürgen Vogel bei. „Vielleicht ist es so sogar am richtigsten. Das Leben ist nicht nur eins zu eins.“ Und Hauptdarsteller Florian David Fitz findet die ewige Einteilung in E und U langweilig und sogar ein wenig platt. „Du gehst ja trotzdem nicht unberührt aus dem Kino. Der Film erwischt dich kalt. Und zwingt dich förmlich, Fragen über das Leben zu stellen.“

Die Berlin-Premiere vergangene Woche im Zoopalast gibt den Darstellern recht. Selbst gestandene Männer mussten im Kinodunkel schlucken und verschämt nach Taschentüchern suchen. Ohne Augenwischerei geht niemand aus dem Film. Danach denkt man unweigerlich ein wenig anders über Sterbehilfe. Den Epilog des Films hätte es dabei nicht gebraucht. Bis dahin hat Regisseur Zübert jegliches überzogene Pathos geschickt vermieden, in der Schlusssequenz wird es dann aber doch sehr sentimental, ja fast kitschig, wenn alle Hinterbliebenen ein Jahr später noch einmal zusammenkommen. Vielleicht ist das aber auch nur ein gnädiger Moment, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, bevor es hell wird im Saal.