Klassik

Cecilia Bartoli wird Russin

Der Opernstar hat in St. Petersburg unbekannte Barockmusik entdeckt

„The Scarlett Empress“. Zu Deutsch: „Die große Zarin“, 1934 mit Marlene Dietrich als Katharina die Große: Dies ist die Vorlage für das Cover der neuen CD von Cecilia Bartoli. Ähnlich wie die Sängerin früher schon Anna Magnani und Anita Ekberg ironisch zitierte und fürs Cover kopierte. „Glamouröser geht’s nicht!“, lacht Bartoli und ist sichtlich stolz auf ihren Coup. Freilich: Hinter der pelzverbrämten Zarin verbirgt sich eine bittere Erfahrung mit ihrer letzten CD „Mission“. Dort trug sie Glatze! Das hat sich als Geschenk unterm Weihnachtsbaum nicht so gut verkauft. Und da der berühmteste Mezzosopran der Welt nicht nur ein Filmfex, sondern auch eine taffe Geschäftsfrau bleibt, ist ihre neue CD „St. Petersburg“ wie fürs Verkaufskörbchen hergestellt. Sieht tipptopp aus.

In der russischen Pralinenschachtel verbirgt sich indes erneut fast so etwas wie eine diskografische Großtat. Wiederum zehn Arien-Erstaufnahmen vergessener Preziosen (plus ein Marsch) bietet Bartoli auf ihrer CD. Wie immer mit großem Überraschungs-Knalleffekt präsentiert. Denn niemand ahnte, wohin die Entdeckungssucht der Römerin diesmal schweifen würde. Dass am russischen Hof der Zarinnen Anna Iwanowna (1703-1740), Elisabeth Petrowna (1741-1762) und Katharina II. (1762-1796) italienische Komponisten tätig waren, das wusste man zwar. Auch die Namen hatte man. Die Werke aber schlummerten und verstaubten in den Kellern und Tresoren des Mariinsky-Theaters. Hier waren die entsprechenden Signaturen aus konservatorischen Gründen seit Urzeiten gesperrt. Nicht einmal eine Sängerin mit dem Renommee der Bartoli bekam hier Zugang.

Nun gibt es in Petersburg einen musikalischen Machthaber, um den keiner herumkommt, der hier etwas bewirken will: den Dirigenten Valery Gergiev. Ihn überzeugte die Bartoli in etlichen Gesprächen, dass die Hebung der Keller-Schätze nicht nur ihrem eigenen Renommee nützen werde. „Sondern dass hier eine Frage von nationaler, russischer Bedeutung berührt ist“, so Bartoli. „Die Existenz dieser Werke zeigt, dass die russische Oper älter ist als Glinka, der bisher als Stammvater der russischen Oper angesehen wurde.“ Was die Bartoli in die Situation bringt, erstmals in ihrer Karriere Russisch singen zu müssen. Sie tut es mit etwas gaumiger, unidiomatischer Aussprache. Doch sie selber amüsiert sich im Gespräch über die eigenen Unzulänglichkeiten. Diese sind nicht schlimmer als im Opernbetrieb heute weltweit üblich.

Bei den nach Russland eingeladenen Barock-Komponisten handelte es sich um Domenico Dall’Oglio, Vincenzo Manfredini, Francesco Domenico Araja und schließlich Domenico Cimarosa. Die meisten von ihnen waren eher unbekannt, als sie die damals abenteuerliche Reise gen Osten antraten. Dass es sich mehrheitlich um zweitklassige Namen handelt, will Bartoli nicht gelten lassen. „Was ich singe“, so sagt sie, „ist immer erstrangig.“

Hypervirtuos, bis der Halsarzt kommt, sind die Arien. Typisch für Bartoli. Dennoch ist nicht zu verhehlen, dass die Luft, je tiefer man in die Bibliothekskeller der Musikwissenschaft hin-absteigt, langsam dünner wird. Diego Fasolis und sein Ensemble I Barocchisti fremdeln nicht die Spur. Sondern kennzeichnen die wahlrussischen Kleinmeister als das, was sie sind: Italienausläufer nach Osten. Dagegen kann die Stimme der Bartoli, die sich kein bisschen schont, inzwischen einen leichten Tribut an die Macht der Zeit nicht ganz verbergen. Zwar flutschen die Koloraturen immer noch mühelos. Doch die Kunst der vokalen Kontraktion, die man an Bartoli kennt und liebt, hat an Jugend verloren. Man spürt, dass auch ihre Weltreise durch die Welt des Barocks nicht endlos fortsetzbar ist.

Das Album Cecilia Bartoli: „St. Petersburg“ (Decca)

Das Konzert Konzerthaus, Am Gendarmenmarkt, Heute, 20 Uhr