Konzertkritik

Harnoncourt gibt Anleitungen zu Ehe und Kohlsuppe

Der bohrende Blick ist sein Markenzeichen: Nikolaus Harnoncourt, legendärer Pionier der historischen Aufführungspraxis, versetzt seine Musiker damit regelmäßig in schöpferische Dauerregung.

Auch dieses Mal. Im Großen Saal des Konzerthauses blitzt Harnoncourt den Concentus Musicus Wien an. Ein Originalinstrumente-Ensemble, das er selbst vor über 60 Jahren gegründet hat.

Eine eingeschworene Gemeinschaft, die auf alten Instrumenten neue Welten erschließt. Welten, in denen die Musik radikal als Sprache aufgefasst wird – ohne Rücksicht auf Klangschönheit. Wenige Wochen vor seinem 85. Geburtstag hat Harnoncourt nun Mozarts „Haffner-Serenade“ ebenso launig wie geistreich entschlüsselt. Zu Beginn teilt er dem Publikum seine Entdeckungen per Mikrofon mit. Mozarts „Haffner-Serenade“, so Harnoncourt, sei wie die Anleitung zum Führen einer Ehe. Eine Hochzeitsmusik mit Höhen und Tiefen. Man könne im ersten Andante förmlich das murrende „Jeden Tag Kohlsuppe“ des Gatten heraushören. Und wirklich: Der langsame Satz mit seinen ewigen Wiederholungen wirkt unter Harnoncourt wirklich wie jeden Tag Kohl. Der Dirigent macht dazu Drehleierbewegungen. Das Publikum gluckst und kichert. Dieser Mozart gleicht einer Uraufführung, so neuartig klingt er. Harnoncourt nimmt sich viel Zeit, drosselt das Tempo einzelner Phrasen zugunsten des Ausdrucks. Stolze 55 Minuten braucht der Dirigent an diesem Abend für die „Haffner-Serenade“ – ein Langsamkeitsrekord.

Deutlich bündiger geht der Maestro Mozarts „Linzer“ Sinfonie nach der Pause an. Erstaunlich, wie wenig Harnoncourt machen muss, um den Concentus Musicus zu Höchstleistungen zu reizen. Jedes Komma, jedes Ausrufezeichen sitzt so präzise, jede noch so ausgefuchste Klangbalance gelingt so selbstverständlich, dass man sich glücklich die Ohren reibt. Bemerkenswerterweise ist es Iván Fischer, der Chefdirigent des Konzerthausorchesters, der Harnoncourt am Ende den Blumenstrauß überreicht. Der Ungar war einst Schüler des Alte-Musik-Spezialisten, eine Zeit lang sogar sein Assistent. Schon am 10. November wird Harnoncourt zurückkehren, dann an der Seite der Wiener Philharmoniker, zu einer Hommage zu seinem 85. Geburtstag, mit Konzerten, Filmen und einer Schau.