Nachruf

Mit Oscar de la Renta verliert die Mode ihren Stolz

Am Montag starb der „Latin Lover“, der amerikanische Design-Geschichte schrieb, im Alter von 82 Jahren

Es war absehbar und kommt dann doch plötzlich. Der Designer Oscar de la Renta starb in der Nacht zu Dienstag. Mit 82 Jahren verlor er den langen Kampf gegen Krebs. Er hinterlässt seine Frau Anne, vier Kinder, neun Enkel und ein bestelltes Haus. In der vergangenen Woche wurde Peter Copping als Designer vorgestellt.

Die elegante Verbeugung nach seiner Show im September in New York war die letzte von Oscar de la Renta vor großem Publikum. Gesund sah er schon da nicht aus. Gleichwohl zufrieden. Wieder war es ihm gelungen, atemberaubend schöne Modelle über den schmalen Holzsteg in seinem Showroom nahe der 5th Avenue laufen zu lassen. Jedes Kleid eine kleine Robe. Dabei keines „too much“.

Er entwarf nicht Mode, sondern Stil

Er war ein großer, feiner Mann. In jeder Hinsicht. Vom Auftritt her und als Modeschöpfer ohnehin. Er machte eben nicht Mode, er entwarf Stil. Widerstand Zeitgeist und blieb seinem Schönheitsideal treu. Das beruhte nicht auf Oberflächlichkeit, auch wenn er die virtuos mit seinen Entwürfen beherrschte, sondern auf der Überzeugung, dass Frauen schöne Wesen sind und auch gern so aussehen dürfen. Sein Faible für Femininität erklärt sich nicht allein mit dem Klischee südamerikanischer Herkunft. Der einzige Sohn unter sechs Geschwistern war sehr geprägt von der starken Mutter und ebenso starken Großmutter, die Grandezza als täglich Gut ansah.

Im Juli 1932 war er in der Domenikanischen Republik auf die Welt gekommen, was ihn mit seinem ausgeprägten Humor einmal zu der Bemerkung veranlasste: „Ich bin der einzige Dritte Welt Designer.“ Eine Untertreibung, natürlich. Er war der Designer der großen Welt. Marella Agnelli ist einen treue Kundin, aber ebenso schwärmt Sarah Jessica Parker von ihm. Und seit Betty Ford war und ist er auch der First Schneider. Nancy Reagan trug als Präsidenten-Gattin nichts anderes. Hillary Clinton schritt in seinem goldenen Kleid (was zum Bruch mit Freundin Nancy führte) neben ihrem Mann Bill in dessen zweite Amtszeit ebenso wie Laura Bush es in einer Silberrobe neben ihrem Mann George tat. Chelsea Clinton heiratete 2010 in einem Traum von de la Renta, und Amal Clooney tat es auch kürzlich. Wo immer Amerika gesellschaftlich zusammen kommt, kleidet es sich, und das über Generationen hinweg, bevorzugt in Kostüme des Charmeurs alter Schule.

Natürlich weil große Schneiderkunst darin steckt wie der Sinn für Ornamentik, Farben, Formen. Aber auch weil zwischen den Nähten das betörende Gefühl verborgen scheint, als hätte Oscar höchstpersönlich letzte Hand angelegt mit den Worten: „You look wonderful, darling!“ Wahrscheinlich war das bei den meisten Celebrities sogar so. Denn de la Renta gehörte ja längst selbst zu den Happy Few der amerikanischen Gesellschaft. Der Playboy Rubirosa war sein Kumpel, die Kennedys wurden seine Freunde.

Schon als junger Designer bei Elizabeth Arden hatte er seine Stadtwohnung in New York mit exquisiten Möbeln aus Italien und Frankreich und spanischer Kunst eingerichtet, Klasse war immer. Zu seinem Glück hatte sich der Vater nicht durchsetzen können gegen die Frauen in seinem Haushalt. Und damit auch nicht beim einzigen Sohn. Der hatte Flausen im Kopf, wollte Malerei studieren. Der Vater hielt das nicht für einen Beruf. Die Männer in der Familie wurden Arzt, Jurist, Diplomat.

Studium in Spanien

Die Mutter half ihrem Liebling, und so zog der mit gerade 18 Jahren nach Madrid und schrieb sich an der Akademie von San Fernando ein. Dort wurden auch Skizzen für spanische Couture-Häuser gefertigt. Zur Mode kam er gleichwohl eher zufällig, wie er einmal erzählte: „Eine Freundin kam bei mir auf dem Weg zu ihrer Schneiderin vorbei. Sie war nicht ganz zufrieden mit einem Kleid, und so skizzierte ich ein paar Ideen für sie. Als sie das Kleid dann trug, sprach die Frau des Botschafters sie darauf an und stellte mich daraufhin Balenciaga vor. Er wollte mich ausbilden, so begann alles.“

Schon 1990 war er mit dem amerikanischen Mode-Oscar, dem Cfda-Award, für sein Lebenswerk geehrt worden, fast 25 Jahre arbeitete er weiter daran. Und schrieb amerikanische Kulturgeschichte.