Film-noir-Hommage

Brüste, so aufrecht wie bettelnde Hunde

Der „Polizeiruf“ aus München verhebt sich an den eigenen Ambitionen

Stellen Sie sich vor, Sie heißen Joachim von Cadenbach und sind ein adliger bayerischer Landespolitiker. Sie sind jung, dynamisch und gut angezogen. Sie bewohnen ein Schloss mit Designersesseln im Wohnzimmer. Dort sagen Sie Sätze wie: Meine Familie hat in Deutschland über Jahrhunderte eine Rolle gespielt. Wenn Sie sich in den Dorfgasthöfen des Landes aufhalten, beginnen die Dirndl-Frauen verruchte Blicke auszusenden, Schnaps zu stürzen, und hin und wieder masturbieren sie auch ganz gern einmal.

Das ist in Ordnung. Sie haben Verständnis. Sie schlafen sowieso routiniert mit allen möglichen Frauen. Darunter ihre Ehefrau. Sie werden gebraucht. Sie sind ganz oben angekommen. Ein Pferd vor dem Schloss. Der Ministerpräsident. Die Rüstungsindustrie. Aber wie das häufig so ist: Wer ganz oben fliegt, der verbrennt sich schnell mal die Flügel.

Als Cadenbach (Ken Duken) in der Handlung dieses „Polizeirufs“ zum ersten Mal auftaucht – ein Wahlplakat mit seinem Gesicht herrscht über einen verlorenen Acker – , da ist schon einiges passiert. Eine Journalistin ist ermordet worden, und das ziemlich bestialisch. Jemand hat sie erschlagen, so entschlossen und heftig, dass das Blut bis an die Decke gespritzt ist.

Sie war eine attraktive Frau, stellt Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) fest, sie hatte eine gute Figur und „Brüste, so aufrecht wie bettelnde Hunde“. Sein Hauptverdächtiger Mischa Eigner gibt ihm recht: „Eine bessere Statik als die Oper von Sydney.“

Eigner (Marek Harloff) ist Saxofonist, er schlägt sich so gut durch, wie das in München mit 1200 Euro netto geht – nämlich eigentlich gar nicht. Man hat seine CD in der Wohnung des Opfers gefunden, von Meuffels nimmt ihn in die Mangel – und, Überraschung: Nach nur kurzer Zeit gesteht er. Sie habe mit ihm gespielt, ihm Hoffnungen auf eine Beziehung gemacht, diese aber enttäuscht. Da sei er sehr wütend geworden. Er habe eine Edelsteinlampe aus Selenit genommen und auf sie eingeprügelt, das Blut sei durch den ganzen Raum gespritzt.

Er hat also Täterwissen. Eigentlich kann von Meuffels den Fall jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben. Aber er zweifelt und recherchiert – und stellt fest: Eigner hat ein Alibi, er kann den Mord gar nicht begangen haben. Und das Opfer hat eine heiße Geschichte recherchiert, es ging um Hochpräzisionsmechanik, um ein Satellitenprogramm der Europäischen Union. Der Weg zu Cadenbach ist nicht weit.

Es ist der achte Fall für den rauchenden, immer etwas müden von Meuffels. „Distanz ist die Voraussetzung jeder Wahrnehmung“, sagt er zur Lebensgefährtin des Opfers (Judith Bohle), die übrigens der Lichtblick dieser Episode ist. Und ganz in diesem Geiste wird das Privatleben des Kommissars auch vollständig ausgeblendet. Es existiert nicht.

Zum vierten Mal inszenieren Regisseur Dominik Graf und sein Autor Günter Schütter diesen „Polizeiruf“: als Film-noir-Hommage mit viel Freejazz, mit viel zu vielen Ideen für 90 Minuten. Am Schluss kippt die Folge derart ins Brutale und Groteske, dass man sich an Michael Hanekes „Funny Games“ erinnert fühlt. Es geht nicht auf. Dieser „Polizeiruf“ erstickt am eigenen Ehrgeiz.

ARD, heute, 20.15 Uhr