Konzert

Ein denkwürdiger Mozart-Strauss-Abend

Andris Nelsons triumphiert in der Philharmonie

Spannung bis zur letzten Sekunde. Eine gefühlte halbe Minute gebannte Stille. Und dann: brausende Begeisterung. Dirigent Andris Nelsons überrascht und überzeugt zugleich – mit einem sogartigen, süchtig machenden „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Ausgerechnet mit jener Tondichtung, die wegen ihres genialen, naturgewaltigen Sonnenaufgangs in den Eröffnungstakten zwar Musikgeschichte geschrieben hat. Ansonsten allerdings gilt dieses Werk als eher sperrig und verstiegen.

Umso erstaunlicher nun, wie einladend natürlich und prachtvoll stringent diese Musik unter dem 35-jährigen Letten klingt. Wie allerbester Strauss, durchdrungen von unerschöpflichen Energien, beseelt von verführerischer Poesie. Die Berliner Philharmoniker geben sich ihrem Gastdirigenten hin. Nelsons reizt sie zu höchster Aufmerksamkeit, setzt dafür seinen gesamten Körper ein. Tief senkt er sich zuweilen in die Ersten Geigen hinein. Bei bedeutungsvollen Pianissimi macht sich Nelsons so klein, dass er beinahe unter seinem Notenpult verschwindet. Bei erhabenen Fortissimo-Tutti-Strecken dagegen schwillt er zu herrischer Größe, scheint das gesamte Orchester an seine Brust drücken zu wollen. Immer wieder lässt Nelsons seinen Dirigierstab von einer Hand in die andere wandern, gestaltet Melodiebögen mal mit links, mal mit rechts. In seinen Gesten mischt sich Spielerisches mit Absichtsvollem, Leichtigkeit mit Forderndem.

Auch wenn Nelsons an diesem Abend recht publikumswirksame Luftsprünge und Körperdrehungen vollführt – er ist alles andere als ein Show-Dirigent. Jede seiner Bewegungen dient in erster Linie dem Orchesterklang.

Nicht nur der „Zarathustra“ profitiert von Nelsons‘ intensivem Zugriff. Auch Strauss‘ Burleske für Klavier und Orchester gerät zum Ohrenschmaus. Eigentlich ein recht umstrittenes Virtuosenstück, das nur wenige Pianisten im Repertoire haben. Aus gutem Grund: Der junge Strauss stellt hier scheinbar utopische spieltechnische Anforderungen. Und findet dabei kaum ein Ende. Munter mischt er fingerbrecherische Passagen à la Liszt, Weber und Brahms zusammen. Die solistisch auftrumpfenden Pauken erinnern gar an Beethovens Violinkonzert op. 61.

Emanuel Ax‘ wendiges, bestechend klares Klavierspiel lässt nun alle Strauss-Burlesken-Zweifler verstummen. Der Amerikaner, Jahrgang 1949, paart energische Griffigkeit mit jugendlicher Anmut, überlegenen Zug mit liebevoll ausgehörten Details. Ax und Nelsons, Nelsons und die Philharmoniker – sie passen perfekt an diesem Abend zusammen. Expressive Klangkunst und tänzerische Leichtigkeit eint sie zu einem bedeutsamen, lange nachwirkenden Ganzen.

Für den lettischen Dirigenten ist es ein wichtiger Auftritt. Denn auf der Liste potenzieller Kandidaten für die Rattle-Nachfolge steht er ganz oben. Nach diesem denkwürdigen Mozart-Strauss-Abend werden seine Chancen weiter wachsen.