Schriftsteller

Der letzte Anachronist

Florian Günther fängt in seinen Gedichten den Berliner Kneipengeruch ein

Schriftsteller sind für Florian Günther Huren. Lesungen erscheinen ihm wie Peep-Shows mit Worten, in denen sich Autoren nackig machen. Und den Literaturbetrieb hält er für derart obszön, dass er damit so wenig zu tun haben möchte wie möglich. „Ich sitze lieber mit einer Bande von Bauarbeitern zusammen als mit einer Gruppe Schriftstellern.“ Die seien allemal interessanter, inhaltsreicher und witziger.

Florian Günther ist Schriftsteller. Fast ein Dutzend Bücher hat er bereits veröffentlicht, im Selbstverlag mit Titeln wie „Taschenbillard“, „Mir kann keiner“ oder zuletzt „Mehr war nicht drin“. Hauptsächlich Gedichte, in denen er, wie der „Rolling Stone“ bemerkte, gegen „den Krampf des Lebens anschreibt.“ Außerdem ist er der Herausgeber des „DreckSack“, einem – laut Unterzeile – lesbaren Literaturmagazin.

Man trifft Günther mittags halb zwölf in einer Berliner Eckkneipe im Friedrichshain, ausgebeulte Nadelstreifenweste über dem zerknitterten Hemd. Dort am Tresen ist eine Messingplakette mit seinem Namen angebracht. Weder er noch der Wirt können so richtig erklären wieso. Günther gehört zum Inventar wie die floralen Sitzbezüge der Barhocker. Die Kneipe heißt Budike und Günthers Berliner Dialekt weckt Erinnerungen an die Fernsehserie „Praxis Bülowbogen“.

„Heute bin ich nicht mehr so ein strammer Säufer“, gesteht Günther mit einer Anstandsapfelschorle in der Hand. Aber früher hätte er nicht überlebt, ohne zu trinken. Früher, das waren die 80er-Jahre im Osten von Berlin. Ein Ort und eine Zeit, in denen es Texte wie die seinen nicht geben durfte. Bei einer Hand voll Verlagen habe er sich damals vorgestellt. Dort bekam er immer zu hören: „So ist die DDR nicht, wie sie sie beschreiben.“ Es gäbe keine Huren, keine korrupten Polizisten und prügelnde Knackis. Erst die Wende ermöglichte ihm erste Veröffentlichungen. „Plötzlich sah jeder die Zuhälter und die Penner.“

Seit 51 Jahren lebt Günther im Berliner Bezirk Friedrichshain, seinem Geburtsort. Immer in einem Umkreis von zwei oder drei Kilometern von seiner heutigen Wohnung ganz in der Nähe der Eckkneipe. Seine Kindheit und Jugend seien bitter gewesen. Mehr will er dazu nicht sagen. Dabei macht er eine abwinkende Handbewegung und sagt „Nüscht“ und schon klingt es gar nicht mehr so schlimm. Sobald er konnte, ist er von zu Hause ausgezogen. Erst lebte er für eine Weile auf der Straße. Dann brach er eine baufällige Wohnung auf. Die war trotz Heizung kalt und die Straßenbahn ließ ihn nicht schlafen. Aber das war ihm seine Unabhängigkeit wert. In dieser Wohnung traf er die Menschen, von denen seine Gedichte handeln.

Zu sagen, dass in seinen Gedichten und in seinem Magazin der Rand der Gesellschaft durch die Zeilen wandert, wäre Klischee. Günther schreibt über Hartz IV, Kotzen vor der Kaufhalle und Berliner Hinterhöfe, aber vielmehr schreibt er über Alltag. Seine Protagonisten haben verliebte Tagträume von Supermarkt-Kassiererinnen, schlagen die Zeit tot bis die Frau nach Hause kommt oder erinnern sich an durchzechte Nächte mit längst verstorbenen Freunden.

Es geht rau zu in Günthers Texten. Die Gedichte sind völlig ironiebefreit, aber nicht humorlos. Kein Blick von oben herab. Keine Sozialromantik. Günther sinniert über das Leben einer Gesellschaftsschicht, die normalerweise keine Lyrik liest. Er schreibt aus ihr heraus, ohne heraus zu wollen. Florian Günther ist das Maß der heute viel beschworenen, aber selten erreichten Authentizität. Gleichzeitig wirkt der Alltag in Günthers Lyrik völlig aus der Zeit gefallen. Seine Gedichte sind vergilbt von zu viel Nikotin und zu wenig frischem Gemüse. Charles Bukowskis weht durch die Zeilen. Es riecht nach Kohleöfen.

Es wird Mittag. Günther bestellt dann doch ein Bier. „Hast du noch so ein dickes Buch von mir“, fragt er den Wirt. „Du meinst wohl deine Schuldscheine“, hallt es von der Bar zurück. Ein Gedichtband wird dann doch noch hinterm Tresen gefunden. Günther gehört dazu und ist doch anders. Er trinkt und schreibt Gedichte. „Im Schreiben kann man Niederlagen in Siege verwandeln“, sagt er.