Interview

„Ich bin ein Fan von Peinlichkeiten“

In Benjamin von Stuckrad-Barres neuer Talkshow soll das Unvorhersehbare Programm sein

Im Fernsehen erlebte man den 39-jährigen Journalisten Benjamin von Stuckrad-Barre zuletzt als Moderator präzise durchgeplanter Talkshows. Er hat selbst oft betont, wie sehr er Überraschungen hasst und das Vorhersehbare mag. Interessant also, dass er sich nun auf eine Sendung einlässt, für die er sich gar nicht vorbereiten kann. Wir trafen ihn in seinem Stammcafé in Wilmersdorf.

Berliner Morgenpost:

Ihre neue Sendung heißt „Stuckrads Homestory“. Was ist die Idee dabei?

Benjamin von Stuckrad-Barre:

Ich besuche Menschen zu Hause oder an ihrem Arbeitsplatz, schon bei der Begrüßung läuft die Kamera, und der Gesprächsverlauf ist denkbar offen, denn ich weiß vorher nicht, wen ich treffe. Ich komme morgens ins Büro von Ulmen TV, und Christian Ulmen sagt mir, zu wem wir jetzt fahren. Dann geht’s direkt los. Ohne große Vorbereitung.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Wir haben sehr lange eine politische Talkshow gemacht, bei der alles immer sehr gut – manchmal zu gut – vorbereitet und auf den jeweiligen Gast abgestimmt war. Wir wussten, in Minute fünf sprechen wir über die Kindheit und gehen dann in ein Planschbecken oder so ähnlich. Man hatte das Gespräch vorher im Prinzip schon genau im Kopf und war dadurch nicht mehr so offen für Abweichungen, für Situatives. Das wollten wir nun kontern durch das Gegenteil.

Warum?

Wir hatten beobachtet, dass die Off-Momente oft die interessanteren sind: Die Sendung ist vorbei, man sitzt mit dem Gast noch vor einer traurigen Schale mit Minischokoriegeln und spricht über das Wetter und ob man gerade Grippe hat oder so. Das ist dann schon eine viel echtere Begegnung als eine, die man vorher exakt durchgeplant hat. Das klassische Talkshow-Szenario nivelliert ja all die Faktoren, die wirkliche Begegnungen prägen, also Umgebung, Laune, Wetter, Tagesform und so weiter.

Und wer hat Sie in Empfang genommen?

Christian Ulmen macht es natürlich besonderen Spaß, mich zu Leuten zu schicken, von denen er meint, dass ich mit ihnen eher wenig anfangen kann. Das ist so ’ne sadistische Ader von ihm.

Zum Beispiel?

Jimi Blue Ochsenknecht. Ich wusste erst gar nicht so genau, welches von den Kindern das ist – es gibt ja noch Wilson Gonzalez und Cheyenne Savannah.

Aber es war Jimi Blue.

Ja, aber ich habe dafür keine Beweise. Mein Gefühl war: Der konnte mit mir so wenig anfangen wie ich mit ihm, das ging herrlich aneinander vorbei. Er war wahnsinnig nett, er hat uns Weißwürste gemacht, hat mir seine Modekollektion gezeigt – und irgendwie versandete alles in einem beiderseitigen: Tja. Wir haben es wirklich versucht miteinander, haben sogar X-Box gespielt, aber wir kamen nicht zueinander. Ich hab hinterher gedacht: Der arme Junge. Es ist mir nicht gelungen, dass es für ihn interessant ist. Es waren vier Stunden, gefühlt waren es 40. Und dass ein solches Nichtgelingen eben auch möglich ist, fand ich erfrischend.

Es kann also schnell mal peinlich werden.

Ich bin immer ein Fan von Peinlichkeiten. Wenn etwas peinlich ist, dann ist es wahr.

War das oft so?

Mit Lars Eidinger war es komplett anders. Mit dem habe ich acht Stunden geplappert, zum Teil haben wir beide gleichzeitig geredet, und wir hätten noch acht Stunden weiterreden können. Der Kameramann wollte aber dann Feierabend machen.

Udo Lindenberg haben Sie auch getroffen. Sie sind gut befreundet.

Es war ein bisschen merkwürdig, weil wir auch so sehr viel Zeit miteinander verbringen, dann aber ohne Kamera. Mit Udo könnte ich mich sowieso jeden Tag treffen. Man badet in dieser Lässigkeit, die er verströmt, das ist das allerbeste Antidepressivum. Er ist ja auch ganz oft in Berlin, und dann gehen wir raus und machen Blödsinn. Das letzte Mal sind wir Riesenrad gefahren. Der Plan ist mit Udo immer: mal gucken. Jeder Tag ist die Möglichkeit, es sich lustig zu machen. Das kann der wie kein anderer.

Wo sind Sie mit ihm gewesen?

Im „Interconti“ und im Olympiastadion. Hotels sind ja sein Zuhause, das ist Udos natürliche Umgebung. Und im Olympiastadion wird er nächstes Jahr auftreten.

Überlassen Sie die Gesprächsführung eigentlich ihren Gästen – besser gesagt Gastgebern?

Wenn sie mögen – gern. Bettina Böttinger etwa hat das einfach durchmoderiert. Ich hatte mir zum Beispiel gewiss nicht vorgenommen, ihr mit Massageöl die Füße zu massieren.

Und Katja Ebstein?

Es gab einen interessanten Energieunterschied zwischen uns beiden. War die aufgedreht! Ich nicht. Es war ja in diesem Sommer an sechs Tagen heiß, und genau an diesen sechs Tagen haben wir gedreht. Und es war so schwül. Das hat dazu geführt, dass ich mich oft sehr unwohl fühlte. Man hat irre geschwitzt. Katja Ebstein hatte etwa 30 Bücher vorbereitet. Alles mögliche. Lebenshilfe, Philosophie, der Kapitalismus. Mit Lesezeichen drin. Sie wollte darüber sprechen. Morgens um zehn. Wir sind dann lieber zu Udo Walz gegangen, sie brauchte einen neuen Schnitt.

RBB, heute, 22.45 Uhr