Kino

Nicht ohne meine Töchter

In seinem Film „The Cut“ arbeitet Fatih Akin den von der Türkei lange verschwiegenen Genozid an den Armeniern auf

Die Szenerie scheint erschütternd aktuell: Ihnen werde Gnade widerfahren, wird den Christen in einer Wüstengegend nicht weit von Kobane gesagt, aber nur, wenn sie zum Islam übertreten. Da sie sich weigern, werden sie wie Vieh abgeschlachtet. Aber hier geht es nicht um die heutigen Gräuel der Terrormiliz Islamischer Staat. Fatih Akins neuer Film „The Cut“ behandelt vielmehr den Völkermord der Türken an den Armeniern, der sich in einem guten halben Jahr zum 100. Male jährt. Sie sollen keine Kugeln verschwenden, wird den Schergen gesagt, deswegen wird den Opfern die Kehle mit dem Messer aufgeschlitzt. Nur einer überlebt dieses Massaker. Weil sein Mörder nicht tief genug zustechen kann.

Die Kehle ist gleichwohl getroffen, fortan wird dieser Mann nicht mehr sprechen können. Das ist natürlich ein beredtes Symbol für das stumme Entsetzen vor diesem Genozid, der nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Armeniern das Leben gekostet hat. Es ist aber auch eine Metapher für das Verschweigen, Verdrängen dieses Völkermords durch den staatlichen Rechtsnachfolger des Osmanischen Reichs, der Türkei.

Politik des Schweigens

Schon seit den 30er-Jahren versuchte ein Elia Kazan oder ein Rouben Mamoulian, Franz Werfels gewaltiges Epos über diesen Genozid, „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, als großen Hollywoodfilm zu inszenieren, Sylvester Stallone hat es in den 80er-Jahren noch einmal versucht. Aber immer ist dies durch ausländischen Druck verhindert worden. Immer wieder hat auch die westliche Welt vermieden, diese Politik des Schweigens zu durchbrechen. Um den Bündnispartner Türkei nicht zu verprellen. In der Türkei selbst konnte bis vor kurzem noch auf jeden, der dieses Wort aussprach, der Paragraph 301 angewandt werden wegen „Verunglimpfung des Türkentums“. Und der Journalist Hrant Dink, der sich für die Aufarbeitung dieses Völkermords einsetzte, wurde 2007 in Istanbul von einem Rechtsextremisten erschossen.

Fatih Akin hatte ursprünglich einen Film über eben diesen Hrant Dink drehen wollen, hat aber keinen Darsteller gefunden, der es gewagt hätte, diese Rolle zu übernehmen. Stattdessen hat er nun einen Film über den Genozid selbst gedreht. An Mut fehlt es dem Hamburger Regisseur wahrlich nicht. Morddrohungen folgten denn auch schon bald, nachdem das Projekt bekannt gegeben wurde. Aber nicht er habe sich das Thema ausgesucht, gibt Fatih Akin zu verstehen, „das Thema hat mich ausgesucht“.

Es ist überhaupt erst der dritte große Film, der sich mit diesem Genozid beschäftigt. Nach „Ararat“ (2002) des kanadisch-armenischen Regisseurs Atom Egoyan und nach „Das Haus der Lerchen“ (2007) von den italienischen Brüdern Taviani, der auch auf der Berlinale gelaufen war. Akin aber ist der erste Filmemacher, dessen Wurzeln selbst aus dem Land der Täter stammen – und der doch die Perspektive der Opfer einnimmt.

Sein Held, ein christlicher Schmied, heißt Nazar, eigentlich Nazaret, nach der Stadt, aus der Jesus kam. Nazar sieht auch ein wenig aus wie aus einem Messias-Film und muss eine wahre Passionsgeschichte durchleiden. Von den Türken verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen, muss er erleben, wie Armenier in Todesmärschen durch die Wüste geschickt, Frauen vergewaltigt und Kinder getötet werden. Später, wenn er als einziger überlebt, irrt er traumatisiert durch das Osmanische Reich, nur um erfahren zu müssen, dass sein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Einzig seine Töchter sollen überlebt haben. Und so macht er sich auf die Suche nach ihnen, die sich zu einer wahren Odyssee durch die halbe Welt auswächst.

Als „The Cut“ auf dem Filmfestival von Venedig uraufgeführt wurde, ist er bei den Kritikern durchgefallen. Man kann vieles bekritteln, dass Hauptdarsteller Tahar Rahim, der in „Ein Prophet“ so brilliert hat, seiner Rolle nicht recht gewachsen ist und im Laufe der vielen Jahre der Handlung nicht altert. Man kann dem Film vorwerfen, dass die zweite Hälfte mit der Suche nach den Kindern ein wenig zu lang geraten ist, auch wenn damit eben nicht nur der Völkermord erzählt wird, sondern auch die die Diaspora als traurige Konsequenz, die Verstreuung der Überlebenden.

Die seltsame Diskussion, die in Venedig entbrannte, drehte sich aber vor allem darum, wie man einen Genozid zu inszenieren habe. Als ob es dafür ein Regelwerk gebe. Man schien es Akin zu verübeln, dass er die Gewalt, wohl auch, dass er die Kritik an der Türkei nicht drastischer ins Bild gerückt hat.

Akin zeigt sie schon, die Gewalt. Aber er dosiert sie. Er belässt es, anders wäre der Film vielleicht auch gar nicht auszuhalten, bei wenigen, doch umso eindringlicheren Schock-Momenten. Wie jener von dem Cut, dem Stich in die Kehle. Oder dem ergreifendsten und schier unerträglichen Moment, wo Nazar in einem Todeslager bei Aleppo auf seine verhungernde, entkräftete Schwägerin trifft, die ihn um Erlösung anfleht – und die er ihr schließlich gewährt. Aber Akin zeigt eben auch die andere Seite. Zeigt türkische Schergen, die sich weigern, andere zu meucheln, und Muslime, die den herumirrenden Christen aufnehmen und verstecken, als Akt der Nächstenliebe. Nicht nur um Schuld geht es hier, sondern immer auch um Vergebung.

Nicht umsonst heißt es gleich zu Beginn, im Vorspann: „Es war einmal, es war keinmal“. Akin erzählt sein Drama auch als ein Märchen, bei dem man trotz all dem Bösen den Glauben an das Gute nicht verlieren mag. Und er bezieht sich dabei auf die Filmgeschichte fast genauso wie auf die Weltgeschichte. Denn entgegen seinen sonstigen Gegenwartsfilmen erzählt er hier mit langem epischen Atem, der fast schon ein wenig aus der Mode ist, und mit etlichen Genre-Anleihen, allen voran am Western. Nicht zufällig verschlägt es ihn am Ende in die Neue Welt, wo Nazar erneut erleben muss, wie eine Frau einer anderen Ethnie gedemütigt und vergewaltigt wird.

Am deutlichsten wird die Referenz ans Kino freilich in einer Szene in Aleppo, wo Nazar zum ersten Mal einen Film sieht. Er erlebt da den großen Charlie Chaplin in seinem Klassiker „The Kid“, wo er, stumm wie er selbst, um sein Kind kämpft. Erst lacht Nazar mit den anderen. Dann bricht er in Tränen aus, weil er sein eigenes Schicksal auf der Leinwand wiedererkennt. Wer da nicht selbst eine Träne vergießt, hat kein Herz.