Ausstellung

Der Mann für die Reizüberflutung

Visionärer Medienkünstler: László Moholy-Nagy im Bauhaus-Archiv

Er ist eine zentrale Figur der Moderne und als solche erkannte László Moholy-Nagy schon früh, dass der Großstädter einer unglaublichen Reizüberflutung ausgesetzt ist. „Durch die Riesenentwicklung der Technik und der Großstädte haben unsere Aufnahmeorgane ihre Fähigkeit einer simultanen und optischen Funktion erweitert. Schon im täglichen Leben gibt es Beispiele dafür: Berliner queren den Potsdamer Platz. Sie unterhalten sich, sie hören gleichzeitig (...) und können diese verschiedenen akustischen Eindrücke auseinanderhalten.“ So schrieb der berühmte Bauhauslehrer bereits 1925 in seinem Buch „Malerei, Photographie, Film“, das als erster wichtiger Beitrag zu einer Medientheorie des 20. Jahrhunderts zu werten ist.

Moholy-Nagy wollte die Sinne über die Kunst gezielt schulen. Viele Experimente dazu machte er während seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus von 1923 bis 1928 und später in Chicago von 1937 bis 1946 mit seinen Studenten. Für eine Erweiterung der Sinneswahrnehmungen reichte ihm das geläufige Repertoire der Bildenden Kunst nicht aus, vielmehr arbeitete er interdisziplinär mit klassischen Gattungen wie Zeichnung und Malerei und neuen Medien wie Fotografie, Film, kinetischen Objekten und einem Polykino.

Die große Ausstellung „Sensing the Future: Moholy-Nagy, die Medien und die Künste“ im Bauhaus-Archiv mit über 300 Exponaten zeugt von der faszinierenden Ideenvielfalt und Weitsicht des Künstlers, von seiner unglaublichen Experimentierlust. Mit Fotogrammen und Fotomontagen wurde die Fotografie von ihrer Gegenständlichkeit befreit, mit Tastobjekten andere Sinne als nur das Auge angesprochen, mit Experimenten wie den nicht erhaltenen Film „Tönendes ABC“ von 1932 die Grenze zwischen Musik und Malerei gesprengt, mit der Idee der begehbaren Installation „Kinetisch konstruktives System“ von 1922 der Betrachter als Teilnehmer im Kunstwerk vorausgedacht und der ganze Körper zum Erlebnisraum gemacht, mit der industriegefertigten „Emaille-Serie“ von 1922 der Grundstein für die Konzeptkunst und eine Demokratisierung der Kunst gelegt.

Das entscheidende Medium der visuellen Kunst, das alle anderen vereint, ist für Moholy-Nagy seit 1925 das Licht. Fotogramme, Lichtvorführungen sowie Bühnenbilder und Filme werden zu Projektionsräumen. Abstrakte Gemälde waren für Moholy-Nagy „eine arretierte, eingefrorene Phase einer kinetischen Lichtvorführung.“ Folgerichtig experimentierte er mit einem Versuchsapparat zur Lichtmalerei, dessen Nachbau in der Ausstellung zu sehen ist. Die Schau wurde von Oliver Botar, Professor an der University Manitoba in Winnipeg, kuratiert. Sie enthält auch viele zeitgenössische Werke, welche die Ideen Moholy-Nagys weiterspinnen.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, Tiergarten. Mi-Mo 10-17 Uhr. Bis 12. 1.