Musikkritik

Cameron Carpenter: Cool flitzt er über 88 Register

Der Orgel-Punkrocker erobert virtuos die Philharmonie

Rosa glitzernde Stiefel, halbdurchsichtiges Muskelshirt, glattgewalzter Irokesenschnitt. Der 33-jährige Cameron Carpenter ist der Punkrocker unter den derzeitigen Klassikstars, der Nigel Kennedy der Orgel. Cool und charmant zugleich, exzentrisch und doch sympathisch.

In der Philharmonie moderiert der attraktive Amerikaner das Casual Concert des Deutschen Symphonie-Orchesters an, ein Event in gewohnt lockerer Atmosphäre. Mit Orchestermusikern in lässiger Alltagskleidung und einem deutlich verjüngten Publikum auf frei wählbaren Sitzplätzen. Vermutlich der ideale Rahmen für Terry Rileys neue Komposition „At the Royal Majestic“. Ein Werk für Orgel und Riesenorchester, vom DSO und zwei weiteren Orchestern in Auftrag gegeben. Inspiriert durch das irrwitzige Können des Widmungsträgers Carpenter.

Kurz vor der deutschen Erstaufführung von „At the Royal Majestic“ erklimmt Komponist Riley höchstpersönlich das Podium. Lässt sich gutgelaunt von Dirigent Giancarlo Guerrero zu seinem Stück befragen. Amüsiert sich köstlich über Einwürfe und Kommentare Carpenters. Selten hat man die Gelegenheit, einem Stück amerikanischer Musikgeschichte so nahe zu kommen: Terry Riley, Jahrgang 1935, gilt als Vater der Minimal Music, sein Werk „In C“ wird noch heute als Geburtsstunde repetitiver Klangkunst gefeiert. Mit „At the Royal Majestic“ unterläuft der Amerikaner nun ziemlich überraschend alle Hörerwartungen.

Statt homogener Schleifen und feinster Phasenverschiebungen bietet er ein struppiges Sammelsurium diverser Klänge und Kompositionsstile. Ein Gemisch, in dem ein ganzes amerikanisches Jahrhundert zu brodeln scheint. Versatzstücke aus Blues und Spiritual, Rock und Hollywood-Filmmusik treffen auf altmodische Minimal-Music-Postmoderne, angereichert durch Collagetechniken à la Charles Ives.

Eigenwillig die Besetzung des Orchesters: keine Oboen, keine hohen Klarinetten. Dafür umso mehr Flöten und Fagotte. Normalerweise mag Wahlberliner Carpenter nur noch mit einer speziellen Reiseorgel um den Globus touren. Mit einem digitalen Instrument, das extra für ihn angefertigt wurde. Doch in der Philharmonie braucht er diesen Luxus nicht. Denn die Schuke-Orgel liebt er mindestens ebenso heiß und innig. Aufreizend schaltet und waltet Carpenter am fahrbaren Spieltisch. Er streckt dem Publikum seinen Sportstudio-gestählten Rücken entgegen, tänzelt mit seinen rosa Stiefeln anmutig über die Pedale.

Zunächst hat man den Eindruck, Terry Riley wolle seinen Organisten schonen. Doch spätestens im eidechsenartigen Mittelsatz wird es wahrhaft spektakulär. Carpenter scheinen zusätzliche Arme zu wachsen. Mit krakenartiger Virtuosität zieht er an den 88 Registern. Furios flitzt er über die vier Manuale. Und findet nebenher noch Zeit, um sich cool die Noten umzublättern.