Konzert

Lady Gaga ist richtig sauer

Aber die stärksten Momente ihrer Show in der O2 World sind ohnehin die simplen

Sie hat sich ein Holzfällerhemd über ihren glitzernden Muschel-BH gezogen und atmet ins Mikro. Sekundenlang. „Just dance“, sagt sie dann. Poker Face. Bad Romance. Born this Way. Wer nur die Hits hören will, der soll verdammt noch mal sofort nach Hause gehen. Die kleine Lady auf den hohen Schuhen schreit. Die Lady ist sauer.

Das Fleischkleid. Die Haarschleife. Die Coladosen-Lockenwickler. Die Gaga war mal die Größte. Jedes ihrer Kostüme wanderte von der Bühne direkt in die Pop-Annalen. Ihre Auftritte bei den Grammys „Geburt aus einem Ei“ und den VMAS „Tod am Klavier“ gleich hinterher. Dann entließ sie erst ihren Designer Nicola Formichetti, später ihren Manager Troy Carter.

Das „Haus of Gaga“, wie sie ihr Team nennt, riss sie Etage für Etage ein. Die Lady wollte den Neubau. Artpop heißt ihr neues Leitmotiv und Album. Das Video zur Single „Applause“ ist eine Zitatsammlung von Botticelli über Monet bis Warhol, das Albumcover designt von Jeff Koons. Der Wegweiser „Ich will Kunst sein“, der ist überall. Und die Musik? Die ist immer noch Hookline-Pop, aber wie von schlechtem Empfang verzerrt. Mal ein Metall-Riff, dann Techno-Beat. Süße Pop-Liedchen im wütenden EBM-Mantel. Das Album wurde nicht der Erfolg, den sie sich erhofft hatte.

Wenn Gaga jetzt mit ihrem „Artpop“ auftritt, heißt er „Artrave“. Schon im ersten Akt schießt sie mit Konfettikanonen und Pressluftbeats auf ihr Mainstream-Image. Wie Pop-Soldaten marschieren sie und ihre Tänzer über den langen verzweigten Catwalk ihrer Bühne. „G.U.Y“ und „Aura“ – live klingen sie so monströs, wie früher nur ihre Kostüme aussahen.

„Je häufiger man mir sagt, was ich machen soll, desto mehr will ich einfach nur alles einreißen“, schreit Gaga, zwischen zwei Liedern. Ein bisschen Wahnsinn klingt da durch. Die Band der 28-Jährigen hat sich vor all dem Rummel in Sicherheit gebracht. Sie spielt in einer weißen, friedlichen Iglu-Landschaft, ganz hinten auf der Bühne. Ihre Tänzer tragen Kostüme, die in etwa so aussehen, wie sich die Amerikaner die Loveparade vorstellen müssen – Plateaus, Neon, Plastik, aber angezogen.

Gaga trägt einen Greatest-Hits-Mix ihrer Musikvideokostüme über die Bühne. Die Botticelli-Venus mit Muschelbikini, das Lederensemble aus „Judas“, den kompakten Pony aus „Just Dance“. Ihre großen musikalischen Hits spielt sie immer mal wieder, aber nicht alle, und mit weniger Pomp als das restliche Programm. Das heißt ohne Konfetti-Kanonen und ohne zwei Mann hohe Blumen.

Die stärksten Momente der Show sind ohnehin die simplen. Wenn Gaga auf dem Bühnenboden kniet und Kopf gen Boden a cappella singt. Oder wenn sie sich selbst am Klavier begleitet, mit „Dope“ von der Sucht nach Jim Beam und Jack Daniels singt. Wenn sie die Zeilen ändert „Stefani I need you more than dope“ – dann ist das diese Kunst, die sie die ganze Zeit so angestrengt zusammen zu zitieren versucht.

Das ganze Inventar einer Pop-Prinzessin, all diese kitschigen Showverstärker, Konfetti, Blumen, Tänzer, Nebel – sie braucht es eigentlich nicht. Aber Lady Gaga kann nicht einfach nur Stefani Germanotta sein. Das reicht ihr nicht. Sie will mehr. Alles im besten Fall. In einem Achtziger-Cher-Kostüm singt sie den Sechziger-Cher-Klassiker „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“ in einer Jazz-Version. Nahtlos geht es mit Gabba weiter, während sie sich auf der Bühne ein Raver-Prinzessinnen-Kostüm anziehen lässt.

Am Ende hat einen diese Show erschlagen wie ein Brett. Man ist auf einem Loveparade-ICE durch ein amerikanisches Modern-Art-Museum gerauscht, irgendwo unterwegs. War es eine Jazz-Bar? Oder ein Jahrmarkt? Dann aber hat Gaga gesagt: Ich liebe euch. Ich bin für euch da. Wenn ich nicht weitermachen will, dann denke ich einfach nur an euren Jubel. Und Gaga denkt man, Gaga, relax, du bist doch gut. Wahnsinnig gut, okay? Und gebt ihr den Applaus, den sie braucht.