Nachruf

Meister der leisen Töne

Siegfried Lenz prägte die Bundesrepublik. Jetzt ist der große Erzähler mit 88 Jahren gestorben

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist“, erklärte Siegfried Lenz 1988, als man ihm den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verlieh. Wie immer war Lenz, privat wie öffentlich, in seinem Schreiben und in seinem Dasein, leise und zu bescheiden. Denn Lenz, der mehr als 60 Jahre lang schriftstellerisch tätig war, der Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke geschrieben hat und weltweit knapp 30 Millionen Bücher verkaufte, hat durchaus gewirkt.

Deutschstunde für die Republik

Der in Ostpreußen geborene Lenz war ein anerkannter, gefeierter Schriftsteller. „Ich wurde am 17. März 1926 in Lyck geboren, einer Kleinstadt zwischen zwei Seen, von der die Lycker behaupteten, sie sei die ‚Perle Masurens‘. Die Gesellschaft, die sich an dieser Perle erfreute, bestand aus Arbeitern, Handwerkern, Fischern, geschickten Besenbindern und geduldigen Beamten“, schrieb Lenz in seiner „Autobiografischen Skizze“. Aus genau solchen Menschen setzt sich sein Werk zusammen. Genau das macht Lenz zum Volksschriftsteller. Fischer wollte Lenz ursprünglich werden. Oder Spion. Jedenfalls wollte er einen Beruf ergreifen, in dem nicht viel gesprochen wird.

Lenz kam 1943, nach dem Notabitur, zur Marine. Kurz vor Kriegsende desertierte er in Dänemark, kam 1945 in britische Gefangenschaft und landete später in Hamburg. Hier und in Dänemark hatte er zeitlebens seine Wohnsitze. Er begann Philosophie, Anglistik und Literatur zu studieren, wurde Volontär bei der „Welt“ und schrieb 1949 seine erste Kurzgeschichte „Die Nacht im Hotel“, eine Vater-Sohn-Geschichte, die wie so viele seiner Werke in einer Männerwelt spielt. 1951 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“. Bereits hier schlug Lenz mit der Erfahrung totalitärer Herrschaft eines seiner wichtigsten Themen an und bekannte seine Solidarität mit den Macht- und Sprachlosen. Seine Kriegserfahrungen, die Erinnerungen an eine Jugend in einer Diktatur ließen ihn in seinen Romanen, die sich um politische Themen der deutschen Vergangenheit drehten, sozialkritische Perspektiven entwickeln, die immer wieder von existenziellen, auch pessimistischen Motiven gebrochen wurden.

„Man schreibt eigentlich nur von sich selbst“ hat Siegfried Lenz einmal gesagt. Und so konnten wir durch seine Werke einen Blick auf den klugen, leisen und humorvollen Schriftsteller erhaschen und erkennen, dass Siegfried Lenz ein nachdenklicher, bescheidener, gerechtigkeitsliebender Mensch war. Ein Mann, dem Geschichten oft dazu dienten, Geschichte lebendig werden zu lassen. In seinen berühmten Romanen „So zärtlich war Suleyken“ (1955) und „Heimatmuseum“ (1978) ließ Lenz seine Jugend in Masuren wieder aufleben, zeigte sich aber auch als Meister der humoresken Kleinform.

Hier werden Menschen in Masuren, Traditionen und Lebensweisen in Schelmenstücken, Märchen und Anekdoten unterhaltsam beschrieben, heraus kommt eine Mischung aus Münchhausiaden und Eulenspiegeleien. Ostpreußen erscheint hier als Landschaft voller Käuze und Originale, die Lenz als „zwinkernde Liebeserklärung an mein Land“ ausgab. Und dennoch hat Lenz einmal bekannt: „Heimat bedeutet mir nicht so viel, als dass ich um jeden Preis zurückgehen möchte.“ Lenz fühlte sich durch und durch wohl in seiner Wahlheimat Hamburg.

Wer anfing Lenz zu lesen, konnte sich schnell von dessen Geschichten fesseln lassen, von seinen zweifelnden, aufrechten Helden, den glasklaren Beobachtungen, der ökonomischen Erzählstruktur und der konzentrierten Handlung. Lenz war kein Schmeichler, kein Beschöniger, kein Fantast. Ihn beschäftigten einfache Menschen. Über sie erzählte er einfache Geschichten. Lenz’ Erzählungen und Romane sind wie japanische Möbel. Sie sind schlicht und schön und beinahe perfekt.

Lenz thematisiert die Vereinsamung des modernen Menschen und die Machtlosigkeit des Einzelnen. Sein berühmtester Roman „Deutschstunde“ spielt in einer „Besserungsanstalt“ für kriminelle Jugendliche. Dort soll der Bilderdieb Siggi Jepsen einen Aufsatz über „Freuden der Pflicht“ schreiben. Siggi denkt über seine Rolle als Täter und Opfer nach. Und Lenz liefert in dem Roman, der viele Jahre zur Grundausstattung des Schulunterrichts gehörte, ein Plädoyer für das Gewissen, die Eigenverantwortung und kritisches Hinterfragen von Autoritäten.

Er verdeutlicht, dass ein Verständnis der Gegenwart erst durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit möglich ist. Siegfried Lenz ging es immer nur darum, die Menschen zu verstehen. Vielleicht, weil er ein Menschenfreund war. Anders als die beiden anderen deutschen Großschriftsteller, Günter Grass und Martin Walser, die zeitweilig auch den Krawall des Literaturbetriebes brauchten, die gern deutlich und deftig schildern, was Menschen miteinander verhandeln, blieb Lenz ein Schriftsteller der Andeutung, der Stille, der leisen Töne.

Zuletzt lebte er, der seit Jahren gesundheitlich angeschlagen und auf den Rollstuhl angewiesen war, in einer Hamburger Senioren-Residenz. Nun ist er am Dienstag im Alter von 88 Jahren gestorben. Er wird fehlen, was sonst.