Nachfolgersuche

Tugan Sokhiev entscheidet sich für Moskau

Der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters verlässt 2016 Berlin

Den Musikern des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) wurde nach ihrer Probe am Dienstagnachmittag mitgeteilt, dass ihr Chefdirigent Tugan Sokhiev seinen Vertrag nicht über 2016 hinaus verlängern wird. Obwohl die Chemie zwischen Orchester und Dirigent stimmt, wie es alle Seiten betonen. Der junge russische Dirigent war nach dem ruppigen Rücktritt von Ingo Metzmacher zunächst von 2010 an designierter Chefdirigent gewesen, seit 2012 gilt sein Vierjahresvertrag. Bis Jahresende hätte Sokhiev noch Zeit gehabt, sich für die Verlängerung zu entscheiden. Am vergangenen Wochenende dirigierte er zwei Konzerte des DSO in der Philharmonie, am Rande fanden die Gespräche mit Orchesterdirektor Alexander Steinbeis, Orchestervorstand Matthias Kühnle und Thomas Kipp, dem Geschäftsführer der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) statt.

Zu verhandeln gab es allerdings nichts mehr. Sokhiev hatte seine Entscheidung bereits getroffen, heißt es. Genau genommen musste sich der Dirigent zwischen zwei Städten, zwei Verpflichtungen, zwischen Alltag und Aufstieg entscheiden. „Die Aufgaben, die ich zu Jahresbeginn am Moskauer Bolschoi-Theater übernommen habe, sind gewaltiger, als dies zur Zeit meiner Amtsübernahme abzusehen war“, so Sokhiev: „Sie erfordern mittelfristig zu viel Präsenz und Aufmerksamkeit, als dass ich guten Gewissens bei meinem Orchester in Berlin verbleiben könnte.“ Es war eine Entscheidung zwischen einem Opernkoloss mit 3000 Angestellten nebst vielen Intrigen und einem windschnittigen Konzertorchester mit 120 Angestellten. Der 37-Jährige ist ein Shootingstar im Klassikbetrieb. Das DSO war für Sokhiev auch ein Sprungbrett. Dort hat er insbesondere das russisch-slawische und französische Repertoire gepflegt. Aber bei aller künstlerischer Leidenschaft in den Konzerten – er wirkte immer auch, als sei er nie so richtig in Berlin angekommen.

Der Dirigent betont, dass er bis 2016 den Vertrag erfüllt, mit dem DSO bis dahin zwei Konzerttourneen durch Europa und Japan machen werde. Er möchte auch in der Zeit danach einmal jährlich ans Pult des Berliner Orchesters zurückkehren. Der Abschied soll also harmonisch verlaufen. Die Statements sind dementsprechend. „Das DSO ist ein erstklassiger Klangkörper in glänzender Verfassung“, sagt Sokhiev.

Orchestervorstand Kühnle bedauert die Entscheidung und freut sich auf weitere Projekte. Orchesterchef Steinbeis lobt, dass sich das Orchester „unter Sokhievs Händen im Repertoire und im Klang fantastisch entwickelt“ habe. Und ROCGeschäftsführer Kipp betont: „Das DSO befindet sich gerade auch dank Tugan Sokhiev in einer ausgezeichneten Konstitution, ist künstlerisch wie wirtschaftlich hervorragend aufgestellt.“

Das dürfte vor allem auch ein Signal an die Musiker sein, jetzt nicht in Panik zu verfallen. Anders als zu Metzmachers Zeiten ist das DSO nicht akut von Sparmaßnahmen bedroht. Und die Trägergesellschaft, zu der zwei Orchester und zwei Chöre gehören, hat im Moment genug mit dem Rundfunkchor zu tun. Der Spitzenchor fordert einen neuen Tarifvertrag und hatte im Sommer zum Streik ausgerufen. Man befinde sich in konstruktiven Gesprächen, heißt es seither gebetsmühlenartig. Das DSO ist dagegen keine Baustelle. Vorsorglich aber hat das Orchester jetzt auf seine Auslastung von 83 Prozent hingewiesen. Rund 73.000 Zuhörer sind es jährlich allein in Berlin. „Wir sind ein attraktives Orchester“, sagt Steinbeis.

Und damit hat die Nachfolgersuche begonnen. Die Musiker werden von jetzt an all ihre Gastdirigenten durchdiskutieren, andere werden erstmals eingeladen und begutachtet. Es beginnt das traditionelle Schaulaufen der Dirigenten. Irgendwann werden sich innerhalb des Orchesters ein oder mehrere Wunschkandidaten herauskristallisieren. Die werden dann dem ROC-Gesellschafterkreis empfohlen.