Album

Kleine Fluchten

Die Berliner Band Element of Crime zeigt, dass es eine Welt außerhalb der Sturzflut von Nachrichten und Mails gibt. Sie gefällt uns

Das letzte Album ist vor fünf Jahren erschienen, doch musikalisch ist keine Zeit vergangen. Es sind die altbekannten schweren Rhythmen, es sind dieselben Gitarrenriffs, dieselben traurigen Trompeten und die hanseatisch vernölte Satzmelodie Sven Regeners, die wir schon so lange kennen. Er hat das auch offen eingeräumt neulich. Er hat es für Quatsch erklärt, dass sich eine Band jedes Mal „neu erfinden“ müsse: „Man hat denselben Namen, es sind dieselben Typen, da ist es doch bescheuert zu behaupten, man habe sich neu erfunden. Ich finde es völlig okay zu sagen, es gibt zehn neue Songs. Das ist neu genug.“

Schockierende Volten zu erwarten, das ist beim selbstgenügsamen Sound von Element of Crime ja auch ein hirnrissiger Wunsch. Etwa so überzeugend wie die Erwartung, beim Öffnen der eigenen Wohnungstür immer eine neue, komplett überraschende Einrichtung vorzufinden. Man schätzt seine Wohnung ja gerade dafür, dass sie verlässlich möbliert ist und in der Küche nicht plötzlich eine Chaiselongue rumsteht. Das wäre nichts für Freunde dieser Band.

Seit bald 30 Jahren, seit ihren Anfängen im New-Wave-Westberlin Mitte der Achtziger, kehren Element of Crime mit ihren herbstlichen Hymnen regelmäßig zu uns zurück, und sie werden dabei immer erfolgreicher. Für die Konzerte sollte man sich rechtzeitig um Karten bemühen, sonst gibt es keine mehr. Das 2009 erschienene Album „Immer da wo du bist bin ich nie“ stieg auf Platz 2 der offiziellen Media-Control-Charts ein, und dieses und das zuvor erschienene Album „Mittelpunkt der Welt“ verkauften sich mit jeweils mehr als 100.000 Exemplaren.

Nachbarschaft des Banalen

Was funktioniert hier so gut? Vielleicht ist es die sehr fein justierte und doch verlässlich arbeitende Melancholiemaschine, als die wir Element of Crime in bislang zwölf Studioalben kennengelernt haben. Sie funktioniert auch bei diesem Album mit dem schönen Titel „Lieblingsfarben und Tiere“ noch immer. Dass das möglich ist, dass das immer noch so gut hörbar ist und so wenig auf die Nerven geht, das liegt natürlich an den Texten Sven Regeners.

Sie schillern in genauso vielen Schattierungen wie die Romane Regeners. Die erzählen ja auch immer, ob sie nun „Herr Lehmann“ heißen oder wie zuletzt „Magical Mystery Tour“, vom ewigen Alltag und den Fenstern, die das Schöne in ihm öffnet, manchmal jedenfalls. Und von diesem merkwürdigen „Immer so weiter“ und der Nachbarschaft des Banalen, die das Pathos braucht, weil man es sonst nicht aushalten kann.

„Herr Lehmann“ etwa, der erfolgreichste und von Leander Haußmann verfilmte Roman Regeners, ist bevölkert von biertrinkenden Rumhängern, denen selbst Revolutionen nur ein Schulterzucken abnötigen. Sie sitzen in einer Eckkneipe am Kreuzberger Mariannenplatz, es ist der 9. November 1989 und jemand kommt rein und schreit, die Mauer sei offen. „Hat vorhin schon einer gesagt“, sagt dann wer nach einer Pause, und dann bestellen sie sich noch ein Bier und erzählen sich dieselben Dinge wie gestern und vorgestern, es geht ja eh alles immer so weiter. Man isst ein paar Chips dazu, wegen der Elektrolyte.

Dieses gestaute Leben zu beschreiben, diesen zu gleichen Teilen traurigen und lustigen Stillstand, das ist eine von Regeners großen Stärken. Es gibt einen Song mit dem Titel „Immer so weiter“ auf dem Album, der genau davon handelt. „Draußen die Sonne, und drinnen der Staub und keiner, der sagt wieso“, singt Regener vor dynamisch aufheulender Gitarre, und wieder mal reicht die Zeile für den Vers nicht aus: „Ich an diesem Tag überhaupt aufsteh und später sogar noch aufs Klo.“

Man mache sich nichts vor: Wer keinen Grund sieht, das Bett zu verlassen und den Gang zur Toilette erstaunlich findet, der leidet an einer Depression. Wir hören auch bald den Grund dafür: „Denn du bist nicht mehr da“, singt Regener, „und alles ist gar nicht mehr wahr. Du bist nirgendwo mehr, und ich steh hier nur paralysiert herum wie ein Trottel, der nicht versteht, dass das immer so weiter, immer so weiter geht.“ Es geht auch immer um das Große bei Element of Crime, vor allem um das Größte, um die Liebe und um das Unglück, wenn sie nicht mehr da ist.

Nun könnten bei solchen Themen auch diese Lieder bald stillstehen, sich in sich selbst traurig verkapseln, nur noch Chansons für Schwermütige sein. Aber das Pathos ist ja auch „gar nicht mehr wahr“, wenn es allein regiert. Dann wird es zum Schwarzen Loch. Deshalb muss man ein Gegengift einsetzen, wie in diesem Fall die fast heitere Musik, die dem Trübsinn einen „Arschtritt“ verpasst, wie Regener es einmal im Interview genannt hat. Es ist die Kunst des Kontrastierens, die Element of Crime so gut beherrscht und die den immer noch anhaltenden Erfolg dieser Band erklärt.

Das Ende des digitalen Terrors

Und es gibt auch viel komisch Schillerndes auf diesem Album, viele Verschrobenheiten wie das plötzliche Auftauchen von Begriffen wie „cordon sanitaire“ oder „Schwachstromsignalübertragungsweg“ mit „Durchleitungsproblemen“. Es gibt so tröstend einfache Bekenntnisse wie dieses: „Meine Lieblingsfarbe ist eigentlich Grün, aber manchmal Blau und gestern war es Rot. Das war auch ganz schön.“

Das taucht in dem titelgebenden Song auf. „Lieblingsfarben und Tiere“ ist eine Ode an das Abtauchen, an die Unerreichbarkeit. Die Durchleitungsprobleme im Schwachstromsignalübertragungsweg sind nämlich etwas ganz Simples: eine abgestellte Türklingel. Abgestellt von jemandem, der sich nicht mehr terrorisieren lassen mag von E-Mails, Skypekontakten und Chats auf Facebook, von der Sturzflut der Nachrichten, die kein Ende nimmt. Jemand, von dem man nicht mehr glauben soll, dass er immer verfügbar ist. Für solche Fluchten ist dieses Album da.