Theaterkritik

Schicht im Schacht: Woyzeck und Marie unter Tage

Kampftstück: Büchners Drama im Deutschen Theater

Franz Woyzeck ist aus der Welt gefallen. Er ist in einem pechschwarzen Schacht gelandet. Zusammen mit Marie, seiner Freundin, der Mutter des unehelichen Kindes. „Es ist alles still.“ Es ist keine friedliche Stille. Schon in den ersten Minuten gehen sich Woyzeck und Marie in grotesken Verrenkungen an die Gurgel, am hinteren Abgrund des trichterförmig zulaufenden Schachtes ringen sie tonlos mit sich.

Man weiß ja, wie das ausgeht bei Georg Büchner: Woyzeck, der vom Hauptmann Getriezte, vom Doktor in Erbsenexperimenten Malträtierte, von Marie mit dem Tambourmajor Betrogene, er geht zugrunde an den Umständen, wird „hirnwütig“ und ersticht die Freundin an einem See. Bei den meisten Adaptionen von Büchners Dramenfragment wird viel Wert gelegt auf die Herstellung und Ausdeutung eben dieser Umstände, Woyzecks Eifersucht gilt meist als Auslöser nicht aber Ursache des Mordes. Erst vor rund vier Wochen überzeugte Leander Haußmann am Berliner Ensemble mit einer Anti-Kriegs-Version des geschundenen Soldaten Woyzeck.

Regisseur Sebastian Hartmann geht nun deutlich radikaler zu Werke und streicht von den ursprünglich über 20 Figuren alle bis auf zwei: Übrig bleiben allein Woyzeck und Marie. Was auch deshalb bemerkenswert ist, weil die beiden im Drama kaum eine Handvoll gemeinsamer Szenen haben. Benjamin Lillie und Katrin Wichmann holen deshalb sätzeweise auch den Doktor, den Tambourmajor und andere in ihren düsteren Tunnel. Und bleiben dabei doch zu zweit. Woyzeck und Marie. Oder sogar allgemeiner: Mann und Frau. Hartmann inszeniert das Stück explizit nicht als Sozialdrama, sondern will den existenziellen, obsessiven und zerstörerischen Kampf des Menschen mit dem Menschen zeigen.

Wobei er den Kampf wörtlich nimmt. Katrin Wichmann und Benjamin Lillie sind zur düsteren Minimal-Musik von Christoph „Mäcki“ Hamann im permanenten körperlichen Ausnahmezustand: Sie küssen, schlagen, lieben und verletzen sich. Sie keuchen und schreien sich die Stichworte zu, überlagern ihre Wörter wie ihre Leiber. Dieser „Woyzeck“ ist skelettiert, findet aber keine Halt gebende Form. Dieser Abend reicht über ein spielwütiges, bisweilen fast verzweifelt wirkendes Über-Strapazieren dieser Idee nicht hinaus.

11. und 16. Oktober, 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a