Kino

Zeit der Ablösung

In der Film-Dystopie „Hüter der Erinnerung“ erstarrt die Menschheit in der Makellosigkeit

Angesichts einer Weltenlage mit Kriegen, Virenepidemien, Umweltverschmutzung und globaler Erwärmung kann man am Menschen und seiner Unbelehrbarkeit schon verzweifeln. Kein Wunder also, dass die Menschen der nahen Zukunft bisweilen drastische Maßnahmen ergreifen. In „Hüter der Erinnerung“ errichten sie nach der letzten großen Katastrophe, die nur als „Der Ruin“ bezeichnet wird, jedenfalls ein beklemmendes Utopia, eine schöne neue Welt in der Version von 2048: Zu sehen sind gleichförmige, weiße Häuserkuben, saubere Wege, getrimmte Wiesen in makellosen Vorgärten. Alles ist geordnet und vorbestimmt, das Wetter dauerschön, die Kleidung uniformiert, das Kantinenessen wird zentral ausgegeben, Babys werden von Leihmüttern ausgetragen und dem passenden Familienverbund zugestellt, auf Zeit, bis die Teenager in einer jährlichen Zeremonie den Begabungen und Fähigkeiten entsprechend in Berufsverbände eingegliedert werden.

Pille gegen Gefühle

Eine allmorgendliche Injektion vor dem Verlassen des Hauses unterdrückt Gefühle und Leidenschaften, jegliche Individualität wird vom System im Keim erstickt, und sobald ein Bürger auszuscheren droht, erklingt die allwissend mahnende Stimme der Präsidentin. Mit dem freien Willen und den Gefühlen, die ihn antreiben, ist auch jeglicher Konfliktstoff eliminiert. Zumindest so lange, bis ein Teenager daherkommt, der auf der Suche nach seinem Platz in der Welt doch noch ein bisschen rebellischen Widerspruchsgeist entwickelt. Der sich, angestiftet von einem weisen, alten Mann gegen die allumfassende Kontrolle auflehnt, gegen den Big Brother, der in diesem Fall eine Big Sister ist, furchteinflößend unmenschlich gespielt von Meryl Streep: „Wann immer der Mensch sich entscheiden konnte, er hat die falsche Entscheidung getroffen“, sagt sie.

In Zukunftsvisionen muss das Coming of Age immer häufiger extremen Umständen abgetrotzt werden, man kennt das schon aus den dystopischen Visionen von Blockbuster-Franchises wie „Die Tribute von Panem“ und zuletzt „Die Bestimmung - Divergent.“ Dass „Hüter der Erinnerung“ jetzt wie ein schnöder Nachzügler im wuchernden Subgenre der Teen-Dystopien aussieht, ist nicht ganz fair. Denn in Wirklichkeit ist Lois Lowrys millionenfach verkaufter Roman „The Giver“ schon 1993 erschienen und damit ein Vorreiter, Ray Bradbury, Aldous Huxley und George Orwell allemal näher als Suzanne Collins und Veronica Roth. In der Tat hat Jeff Bridges sich schon damals um eine Verfilmung des Buches bemüht, ursprünglich noch mit seinem Vater Lloyd Bridges in der Titelrolle des weisen Alten, den er mit silbrigem Haar und kummerfaltigem Gesicht nun selber spielt.

In einem großen Bibliotheksbunker am Rande der modernen Zivilisation verwaltet er das gesamte Wissen um vergangene Tragödien und Triumphe, all das Leid und all das Glück, das die menschliche Existenz vergiftet und verzaubert. Wenn die Ältesten der neuen Zivilisation mal nicht weiter wissen, weil ihnen das Referenzsystem fehlt, dann können sie ihn fragen, wie die Seher der alten Sagen und Legenden. Doch all das Wissen um den wahren Zustand der Welt hat ihn ausgezehrt und müde gemacht, nun ist es Zeit für eine Ablösung. Bei der jährlichen Verkündungszeremonie wird der 16-jährige Jonas (Brendon Twaites) zum Empfänger der Erinnerung ernannt und geht fortan in der Bibliothek des Givers in die Lehre. Über die Berührung seiner Hände überträgt er portionsweise die kollektive Erinnerung der Menschheit, in überwältigenden Bilderfluten, die einer zugleich berauschenden und destruktiven Droge gleichen sollen, im Film aber keinen echten Sog entwickeln.

So wie einst die Früchte vom paradiesischen Baum der Erkenntnis weckt dieses Wissen in Jonas den eingeschläferten Widerspruchsgeist. Mit der Hilfe seines Mentors lernt er den Automaten für die morgendliche Drogeninjektion zu überlisten. Langsam entwickelt sich Jonas, der im Film fünf Jahre älter ist als im Buch, zu einem ganz normalen Teenager, der auch seine Schulfreundin Fiona (Odeya Rush) mit anderen, verliebten Augen sieht. Als wieder ein Baby ins „Anderswo“ übergeben werden soll, wie der Tod hier euphemistisch genannt wird, lehnt er sich auf.

Spätestens jetzt droht der Film an einem inneren Widerspruch zu zerreißen. Statt die beklemmende Düsternis und treibende Aggressivität einschlägiger Teen-Dystopien zu orientieren, setzt der australische Regisseur Philipp Noyce mit einem knappen Drittel von deren Budget eher auf die atmosphärische Ruhe seiner eigenen Thriller, wie der Tom Clancy-Verfilmung „Die Stunde der Patrioten“ oder der Grahame Greene-Adaption „Der stille Amerikaner“, in denen es immer auch um moralische und ethische Entscheidungen ging.

Sobald der Film dann aber immer zielstrebiger auf die finale Weltenrettung zutreibt, gewinnt das christliche Sendungsbewusstsein der an der Produktion beteiligten Walden Media-Gruppe die Oberhand. Seit 2002 wurde dort in Jugendfantasyfilmen wie „Schweinchen Wilbur und seine Freunde“, „Die Chroniken von Narnia“ oder „Nims Island“ eine reichlich naiv heile und zugleich sehr keusche Welt installiert, die unwirklich entrückt ist von den Härten und Leidenschaften der wirklichen Welt. Gegen Ende hebt der Film allzu penetrant in die esoterischen Sphären des Gutmenschentums ab und verspielt damit vieles von dem Zündstoff, den Lois Lowry 1993 ausgelegt hat.