Bühne

Warten kann so wunderbar sein

Fulminant: Regisseur Ivan Panteleev bringt den Beckett-Klassiker ans Deutsche Theater

Mit Bahnschranken-Gebimmel fährt der Eiserne Vorhang hoch. Ein Scheinwerfer leuchtet suchend die Bühne aus. Sie ist mit einem Tuch bedeckt. Das verschwindet langsam in einem Trichter. Zwei Männer tauchen auf. „Nichts zu machen“, der legendäre, eigentlich spielverweigernde erste Satz aus Becketts „Warten auf Godot“ eröffnete im Deutschen Theater am Sonntagabend ein Fest der Schauspieler.

Regisseur Ivan Panteleev verzichtet, abgesehen von dem Tuch, auf Requisiten. Wolfram Koch als Estragon und Samuel Finzi (Wladimir) geben ein virtuoses Komikerduo. Sie bekommen beim langen Schlussapplaus Bravorufe.

Eigentlich sollte „Warten auf Godot“ ja die Saisoneröffnung am Deutschen Theater sein, aber dann verletzte sich Koch beim Surfen, die Aufführung musste verschoben werden. In einer Szene kommt die Verletzung indirekt zur Sprache, wenn Wladimir seinen Freund und Wartepartner Estragon zu Auflockerungsübungen einlädt, der aber sagt, dass ihm jetzt nicht so danach sei.

Das passt zu einem Stück, dass voller Anspielungen steckt und auch immer wieder das Theater an sich thematisiert. Wenn der Knecht Lucky (Andreas Döhler) zum Denken aufgefordert wird und die Wörter nur so aus ihm heraussprudeln, dann ist das nicht nur eine Parodie auf die Wissenschaftssprache, sondern auch auf Bühnenmonologe à la Hamlet. Döhler legt eine großartige Slappstick-Nummer hin, wenn er auf der Schräge mit dem vorher sorgfältig zusammengefalteten Tuch-Vorhang im Arm ins Stolpern kommt und in den trichterartigen Krater stürzt.

Christian Grashof spielt Pozzo als Herren mit einer Mischung aus selbstverliebten und herrschsüchtigen Unternehmertyp, zumindest beim ersten Auftritt. Das Stück besteht ja aus zwei Akten, im zweiten wiederholt sich alles mit ein paar Nuancen. Bei Pozzo sind sie etwas größer, denn der ist jetzt blind und ein bisschen hilflos.

Finzi und Koch loten die Komik des Stücks in allen Nuancen aus. Die beiden spielen ein pantomimisches Tennis-Match, das in ein Sportarten-Kaleidoskop übergeht. Sie tauschen akrobatisch Sakko und Mantel. Reden, schwärmen, streiten. Irgendwie muss das Warten ja ausgefüllt werden. Denn fürs Aufhängen fehlt der Strick und für den Sprung vom Eiffelturm sind sie jetzt zu alt, „da lässt uns heute keiner mehr hoch“.

Regisseur Ivan Panteleev lässt in seine klug reduzierte Inszenierung viele Zitate aus dem Beckett-Kosmos einfließen, er ist mit seiner zurückhaltenden Interpretation nah bei Beckett, der „Godot“ mal im Schiller-Theater inszenierte, vom Tiefsinn befreite und das Spiel in den Mittelpunkt rückte. Bühnen- und Kostümbildner Mark Lammert hat eine quadratische, schiefe Ebene auf die Bühne gesetzt, im Zentrum steht der Trichter, aus dem die Schauspieler auftauchen – und manchmal auch zu verschwinden drohen. Godot kommt auch diesmal nicht, aber das Warten war selten so kurzweilig wie bei dieser verspäteten, fulminanten Saisoneröffnung des Deutschen Theaters.

Deutsches Theater, Schumanstr. 13a. Termine: 2. , 26.10. Karten: 284 41 221