Popkritik

Ja, Panik feiern im SO36 eine kleine Thekenrevolution

Schmissiger Schnulzenpop und dazu ein bisschen Systemhass

Es ist keine Frage von Geschmack, ob man Ja, Panik gut findet. Ja, Panik nicht zu mögen, hat etwas mit der Einstellung zu tun. Wer gänzlich un- oder gar nicht linkspolitisch ist, der hat schlechte Karten am Donnerstagabend. An der Theke des SO36 kann man für 6,90 Euro 100 Wort-Aufkleber kaufen, aus denen man zum Beispiel den Satz „Kotze knallt“ kleben kann. „Gentrifizierungsresistent“ muss nicht mal in einen Satz, das geht auch so.

Dürr und blass und ganz in Schwarz gekleidet steht Andreas Spechtl auf der Bühne. Die verschwitzten Haarsträhnen sind frisch geschnitten und kleben nicht an der Stirn, die Hose ist verdammt eng. Neben Spechtl stehen die Bandmitglieder Stefan Pabst und Sebastian Janata, Letzterer auch ganz in Schwarz. Seit neuestem gibt es auch eine Frau, Laura Landergott. „Griaß Eich, Peoples“: Das allerschönste an Ja, Panik ist Spechtls Akzent. Vom Burgenland nach Wien und von dort nach Berlin ging die Reise der festen Bandmitglieder. Wer einmal in Wien war, fragt sich, weshalb einer ernsthaft von dort wegziehen will. Die Statistik sagt, in Wien sei die Selbstmordrate sehr hoch. Aber das liegt am schweren Herzen, an dem der echte Wiener leidet. Auch Spechtl hat die Krankheit. In Berlin heißt „schweres Herz“ einfach Schnauze, und die Ruppigkeit ist am Ende auch nur eine Form von Depression. Also passt die Sache mit dem Umzug doch. Woran man sich bei Ja, Panik gewöhnen muss, ist die Sache mit dem Denglisch. Kann man Scheiße finden, besser ist, man findet’s gut.

Ja, Paniks Musik ist eine Mischung aus Michael Jackson und Rio Reiser – nehmen wir den titelgebenden, astreinen Popsong zum neuen Album: „Sisters & Brothers, One Love, One World, Libertatia“, singt Spechtl, das ist dann Jackson. „Worldwide befreit, von jeder Nation. Auf das man Eines nicht vergisst, diese Land hier ist es nicht“, das ist Rio. Zwischen Klassenkampf und Antikapitalismus, Scheiß-System, Facebook und Musikbusiness, Eigentumswohnung und dem Traum vom Paradies. Antikommerziell soll’s sein, ein bisschen Geld verdienen muss man auch. Bei aller Dramatik siegt am Ende des Abends die Freude über den struggle. Ein kleines Bier geht noch. Und die kleine Thekenrevolution singt ein Hoch auf den Systemhass.