Festival

Frauen haben Hobbys, Männer Garagen

Draußen in Pankow: Die Sophiensäle forschen nach den letzten Rückzugsorten

Manchmal braucht ein Mann seine Ruhe. Dann hilft nur Flucht: Im Rettungskasten neben dem Eingang hängen vier Schlüssel, für jede Notlage einer. Mit allen kommt man in die Garage, in die Grayson Millwood einen Wald gebaut hat: Vögel zwitschern, in der Ecke hockt ein Fuchs, ein Flaschen-Lagerfeuer glüht, dazu singt Johnny Cash. Hinten wartet eine Holzhütte auf den Zivilisationsflüchtling, darin hängt eine Berlin-Karte: Halb Pankow ist Wildnis, und mitten drin man selbst.

„Frauen haben Hobbys, Männer Garagen“ heißt einer dieser Testosteronsprüche, der das Team der Sophiensäle dazu angeregt hat, im Minifestival „Männer in Garagen“ nach einem der letzten Rückzugsorte des Mannes zu forschen – in Pankow, wo in den Gründergaragen Tüftler und Unternehmer an ihren Projekten basteln, die sich meist um Motoren drehen.

Das tun sie auch während des Festivals, und so kann man sich nie ganz sicher sein, ob man beim Gang durch das lange U aus Garagen gerade vor einem Typen steht, der auch sonst seelenruhig an seiner Suzuki rumschraubt oder vor einer Performance-Station. Wobei sich der Zweifel nur bei den echten Bastlern einstellt: Das gute Dutzend Festivalbeiträge würdigt den Mann derart ironisch, dass von ihm nicht mehr viel übrig bleibt. Bei den Lovefuckers sitzt man in einer Leih-Lederweste auf einer echten Harley, während im Film vor einem zwei gealterte Rocker durch Brandenburg rasen, rauchen, saufen und zu Prostituierten gehen. Der Clou: Die skurrilen Puppen werden von Frauen geführt – und kriegen alle paar Minuten eins in die Fresse. Männlichkeitsfeier? Melancholischer Abgesang! Noch krasser rückt Diseuse Cora Frost nebenan in ihrem „Club of new bodybuilding“ der Männlichkeit auf dem Leib, wenn ihr bärtiger Performer in immer neue Sommer- und Abendkleider steigt und Songs wie „Besame“ und „Bad Romance“ singt. Wer sich in die Mode des anderen Geschlechts traut, darf zur Belohnung in den Clubraum voller Trödel und Plunder.

Bei anderen ist der Garagen-Bezug diffuser. In Sahar Rahimis „Mädchen“ kommt nur, wer es schafft, den bärbeißigen Klotz von einem Türsteher zu bezwingen. Drinnen wartet eine Meerjungfrau im Märchenwald und singt hinreißend, falls man es hinbekommt, ihr den Bonbon vom Eingang zu geben.

Immer wieder bricht die Realität in den Festival-Parcours, wenn sich ein ziemlich großer Schlitten mit dumpfem Brummen seinen Weg durch die Menge bahnt, um zu seiner Garage zu kommen. Oder wenn man in der Ring-Tetralogie von Markus&Markus sitzt: Während in den Kopfhörern Wagner dröhnt, basteln sich die beiden Performer auf einer Modellbahnplatte aus Playmobil- und Monsterfiguren das schönste Regiemusiktheater à la Frank Castorf zusammen. Manchmal ist man sich nicht sicher: Scheppert das Orchester so oder heult draußen ein Motor auf? In der Garagenbar gibt’s Fudschi, dazu dudelt der Berliner Rundfunk, an der Wand hängt ein Pin-Up-Kalender, in dem halbnackte Frauen mit Fischen posen.

Gründergaragenhof Himmelsbach, Breite Str. 42a, Pankow. Bis Sonnatg, 16-20 Uhr, Karten: 283 52 66