Konzert

Der Jubilar hätte milde gelächelt

Berliner Musiker feiern Leonard Cohens 80. Geburtstag – mit seinen deutschen Songs

Der Andrang ist groß. Die Menschenschlange vor der Passionskirche in Kreuzberg zieht sich hin bis zur Marheineke-Markthalle. Alle wollen sie dabei sein, wenn dem Songpoeten und dunklen Romantiker Leonard Cohen am Sonntagabend von zumeist Berliner Musikern gehuldigt wird. 80 Jahre alt ist der weise Grübler an diesem Tag geworden. Gerade ist mit „Popular Problems“ sein neues Album erschienen.

Das außergewöhnliche Geburtstagsfest für den abwesenden Jubilar beginnt mit einer guten halben Stunde Verspätung. Nicht alle finden Einlass. Nach der ungewöhnlichen Ouvertüre mit einer dramatischen Diaschau, die von Pianist Andreas Albrecht, Sängerin Réka und dem als dem Geiger der thailändischen Königin angekündigten Mokkaphan Pongphit untermalt wird, eröffnet Andreas Albrecht den Abend mit der Cohen-Ballade „Bird On A Wire“.

Er singt sie auf Deutsch. „Wie ein Vogel“ ist Teil einer Platte, die ebenfalls gerade erschienen ist. „Poem“ heißt sie und präsentiert unterschiedlichste Newcomer und alte Hasen, die Cohen-Songs interpretieren, allesamt ins Deutsche übersetzt vom Berliner Autor, Politik- und Literaturwissenschaftler Misha Schoeneberg, der den Abend auch moderiert. Einige von ihnen stehen nun live vor dem Altar in der Passionskirche, darunter Johannes Oerding und Anna Loos, Veronika Fischer und Manfred Maurenbrecher, Max Prosa und Nina Hagen. Das Publikum feiert jeden Interpreten und jeden Song mit viel Applaus.

Das Projekt brauchte mehr als 20 Jahre, bis es zur Vollendung kam. Misha Schoeneberg, hingebungsvoller Fan von Cohen, hatte die Idee, die Lieder seines Idols ins Deutsche zu übertragen. 1993 knüpfte der einstige Tourmanager von Ton, Steine Scherben und spätere Texter und Lebensgefährte von Rio Reiser bei einem Cohen-Konzert im Tempodrom den ersten Kontakt.

Manfred Maurenbrechers Version von „Anthem“ („Hymne“) wird ein erster Höhepunkt des Abends, gemeinsam mit Veronika Fischer lässt er auch „Joan of Arc“ glänzen. Die Sängerin versucht sich im Alleingang auch an „Küss mich bis die Welt vergeht“ („Dance me to the end of love“), auf Platte von Selig-Sänger Jan Plewka veredelt.

Wie Cohen-Songs klingen würden, wenn Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben sie aufgenommen hätten, demonstriert das Duo ScherbeKontraBass um den ehemaligen Scherben-Rhythmusgitarristen Mario del Mestre und den klassisch geschulten Kontrabassisten Akki Schulz. Da kommt plötzlich ungeheure Energie auf, da bekommen Lieder wie „Zuerst also Manhattan“ („First we take Manhattan“) kraftvolles Format.

Nach der Pause bewegt vor allem Schauspielerin und Silly-Sängerin Anna Loos mit dem betörend zerbrechlichen „Einer von uns muss sich irren“ („One of us cannot be wrong“), begleitet von Keyboarder Richie Barton und Harmoniumspieler Alexander Robert Freud. Und an Nina Hagen ist es, den Abend mit „Am dunklen Fluss“ („By the river dark“) zu krönen. Sie lässt sich von ihrem Gitarristen Warner Poland und ein bisschen Playback vom Band begleiten. Eine beschwörende, dunkle Ballade, die Gänsehaut provoziert.

Nicht alles ist gelungen an dieser Hommage. Wie schon auf Platte sind auch die Live-Gratulanten, darunter Jan Preuß, Joa Kühn oder das Berliner Duo Suzanna & Karsten Troyke, eine höchst bunt gemischte Geburtstagsgesellschaft. Es ist überraschend, wie manch ein Cohen-Song doch auch auf Deutsch bestens funktioniert. Wäre der Meister dabei gewesen, er hätte über so viel Hingabe mit Sicherheit milde gelächelt.