Konzert-Kritik

Streicherklang im hochdosierten Bühnennebel

Philharmoniker spielen ihr letztes Konzert beim Musikfest

In Johannes Brahms’ Vierter Symphonie, die in der Philharmonie nach der Pause erklingt, haben die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle ihre innere Balance zu hundert Prozent wiedererlangt. Jenes künstlerische Geschick, das diese Musiker oft so phänomenal genau zwischen der Disziplin des Kollektivs und der individuellen Freiheit zu balancieren befähigt. Vielleicht ist die verstörende Leerstelle, die Brahms in einem Moment des ersten Satzes lässt, hierfür die beste Etüde: Nach lieblichen Melodien versinkt der gesamte Streicherklang plötzlich in einem hochdosierten Bühnennebel.

Doch der Nebel ist nicht die völlig unkontrollierte Freiheit, die einem Orchester vom Komponisten gelassen wird, sondern setzt sich aus minutiös gegeneinanderlaufenden Stimmen zusammen, die mit vollendeter Disziplin gespielt sein wollen. Dass hier niemand das Laissez-faire in der Unsichtbarkeit des Dunstes genießt, wird deutlich, als das Gemurmel verstummt und wie aus dem Stand ein knapper Bläserruf ertönt. Er klingt bei den Philharmoniker unter Rattle nicht, wie sonst oft bei Aufführungen dieses Werks, wie preußischer Hackenschlag nach zehnsekündigem Büroschlaf, sondern mit ausgeruhter Selbstverständlichkeit. Das Orchester ist, in diesem seinem letzten Konzert im Rahmen des Musikfests, voll da.

Ob dies bei der zuvor erklungenen Aufführung der Vierten Symphonie von Robert Schumann durchweg der Fall ist, kann bezweifelt werden. Die Präsentation ist respektabel, aber zweifellos nicht die optimale Werbung für die erste CD des neuen hauseigenen Labels. Schumanns Zyklus wird, so scheint es, als recht beliebige nach-beethovensche Symphonien-Serie des 19. Jahrhunderts gesehen. Simon Rattle hat in seiner Amtszeit das freie Spiel der Individuen und Gruppen des Orchesters stark befördert. Das sichert den Philharmonikern auch innerhalb der auf Perfektion getrimmten Kulturorchester-Landschaft eine gewisse Einzigartigkeit. Es besteht die Gefahr, dass gerade der Chef, der diese Freiheiten kultiviert hat, die Eigenheiten der Werke, die dahinterstehen, vernachlässigt.

Gewiss, die Musiker nehmen die technischen Schwierigkeiten, die sich im Untergrund von Schumanns Vierter abspielen, nicht leichthin, und doch sollte die Freiheit des Einzelnen für einen Dirigenten nicht das Werkzeug sein, mit der man der ungewohnten kontrapunktischen Tektonik Schumanns begegnet. Tatsächlich sorgen etliche Phänomene dieser Tektonik für Unruhe im Orchester, gerade wo Einheitlichkeit gefordert wäre. Doch die Tempovorstellungen der Einzelgruppen gehen, bis Rattle sie nach einigen Sekunden bündeln kann, hörbar auseinander. Der genuine Klavierkomponist Schumann war als Originator eines Orchesters ein vielleicht sehr komplex denkender Tonsetzer, doch so kompliziert wie hier sollte er deshalb nicht klingen.