Inszenierung

Spiel mit den Klischees

Ursina Lardi spielt eine Hauptrolle in „For the disconnected Child“. Die Inszenierung bekommt heute den Friedrich-Luft-Preis

Die Frau im schwarzen Mantel wirkt erregt. Sie geht hin und her, zieht das schützende Kleidungsstück aus – und beginnt zu telefonieren. Sagt, dass sie gerade aus der Staatsoper kommt, dort einen aufwühlenden Abend erlebt hat. Sie erzählt von einer Frau, die sich nach einem Mann verzehrt, ihm schreibt und ihn schließlich in einer eiskalten Nacht trifft. Das Rendezvous wird ein Flop. „Hallo, Hallo“, ruft Tatjana Winter, denn der Gesprächspartner schweigt. Er überlegt, wer die Anruferin sein könnte. „Wir haben kürzlich gechattet“, sagt Tatjana. Die blonde Frau, mutmaßt der Mann mit freudigem Unterton, aber dann fällt es ihm wieder ein und der Ton wird kühler: „Die Frau mit den zwei Kindern.“ Damit ist das Gespräch beendet.

Mit dieser Szene beginnt die Inszenierung „For the disconnected Child“, die am heutigen Freitag mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet wird. Ursina Lardi spielt Tatjana, der es in dem Stück wie ihrer Namensvetterin in der Oper „Eugen Onegin“ geht. Der Autor und Regisseur Falk Richter hat beide Handlungen auch musikalisch verknüpft, der Titelheld der Tschaikowski-Oper ist für ihn ein moderner Typ, weil er sich nicht binden will. Im 19. Jahrhundert eher ungewöhnlich, heute in Großstädten alltäglich. In „For the disconnected Child“ geht es um die Sehnsucht nach Nähe und die Unfähigkeit, diese auszuhalten. Um Entscheidungen in einer Welt der unendlichen Wahlmöglichkeiten. Der Theaterpreis der Berliner Morgenpost wird am Anschluss an die heutige Vorstellung verliehen. Die Schauspielerin Ursina Lardi nimmt ihn stellvertretend für den Regisseur entgegennehmen, denn Falk Richter arbeitet momentan an einer neuen Inszenierung im australischen Melbourne.

Wir treffen Ursina Lardi vor dem Schaubühnen-Café an einem sonnigen Tag. Sie lacht immer wieder. Sie ist ziemlich gut vorbereitet, ließ nicht locker, als es darum ging, wenigstens ein paar Fragen vorab zu wissen. Und bat darum, Privates außen vor zu lassen.

Den Job und das Land gewechselt

Ein paar biografische Angaben müssen aber sein. Ursina Lardi wächst in Poschiavo auf, das liegt im italienischsprachigen Teil Graubündens. Sie beschreibt das so: „Ich komme aus einem sehr bescheidenen Tal, Landwirtschaft und ein bisschen Dienstleistung. Man muss da weg, wenn man arbeiten will, aber schön ist es da schon.“ Rätoromanisch und Italienisch sind ihre ersten Sprachen, als sie zehn Jahre alt ist, zieht die Familie in die deutschsprachige Schweiz. Ursina Lardi entscheidet sich für eine Ausbildung zur Lehrerin, geht für ein Jahr nach Südamerika, um dort Spanisch zu unterrichten – und entschließt sich schließlich, den Job und das Land zu wechseln.

Sie zieht nach Berlin, studiert Schauspiel an der „Ernst-Busch“-Hochschule und arbeitet nach dem Abschluss in verschiedenen Städten; in Berlin unter anderem am Maxim Gorki Theater, der Schaubühne und dem Berliner Ensemble. Sie spielt in vielen Filmen mit, darunter in „Das weiße Band“. Beim Gespräch fällt sie gelegentlich in einen süddeutschem Akzent – ein bewusstes Spiel mit der Sprache, mit dem Klischee. Bitte keine Fragen nach den Bergen. Sie spricht schnell, nichts zu merken von Schweizer Bedächtigkeit. Berlin mag sie sehr, sie denkt nicht an einen erneuten Wegzug: „Ich würde Berlin vermissen.“

Warum sollte sie auch umziehen? Seit der Spielzeit 2012/13 ist sie festes Ensemblemitglied der Schaubühne. Gefühlt ist das seit Jahren ihre künstlerische Heimat, denn gespielt hat sie auch schon vorher dort. In diesen Tagen ist sie gleich in drei Produktionen zu sehen: Im Luft-Preisträgerstück, in „Die kleinen Füchse“ an der Seite von Nina Hoss und, ganz neu, in „Die Ehe der Maria Braun“.

Das Stück ist eine Übernahme von den Münchner Kammerspielen, dort hat es Thomas Ostermeier 2008 herausgebracht – und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Jetzt hat der künstlerische Leiter der Schaubühneseine Inszenierung neu besetzt. Ursprünglich stand Brigitte Hobmeier im Mittelpunkt, jetzt Ursina Lardi. Sie hat sich ihre Kollegin in dieser Rolle nicht angeschaut: „Das ist ja mein Abend. Wer auch immer es wie gemacht hat – mir ist das wurscht.“

Als Alvis Hermanis 2012 Gorkis „Sommergäste“ an der Schaubühne inszenierte und sich damit einem Stück widmete, das zum Gründungsmythos des Theaters gehörte, hat sie die Arbeit von Peter Stein ignoriert. „Der legendäre Ruf dieser Aufführung hat mich nicht belastet. Er habe wohl eher die Kritiker belastet, sagt Lardi und spielt darauf an, dass die Besprechungen mäßig waren. „Brutal“, korrigiert sie. Sie hat sie trotzdem gelesen, denn „ich lese, was über mich geschrieben wird“. Nur in Ausnahmefällen, „wenn mir etwas sehr, sehr am Herzen liegt, dann lass’ ich mir die Kritiken vorlesen – und zwar nur das Gute“.

Sie verrät nicht, wer der Vorleser ist, auf den sie angesichts guter Besprechungen in der letzten Zeit nicht zurückgreifen musste. Vielleicht ihr elfjähriger Sohn. Wobei der das Theater nicht so mag. Aber die Oper. Und weil „For the disconnected Child“ genreübergreifend ist und darin auch gesungen und musiziert wird, hat er das gern gesehen. Erzählt Ursina Lardi – und damit ist das Thema Familie erledigt.

Für die Schauspielerin war die Produktion eine kleine Zäsur. Sie hat das erste Mal „mit einem lebenden Autor gearbeitet“. Das war sehr produktiv, „weil Falk als direkte Reaktion auf die Probenarbeit fast täglich mit neuen Texten ankam“. Ihr kam das entgegen, „weil ich mich schnell langweile“.

„For the disconnected Child“ ist eine Koproduktion mit der Staatsoper, und für Ursina Lardi eine Art Türöffner. An der Staatsoper hat sie danach einen Solo-Abend gemacht, einen „Monolog mit Orchester“, den „Lohengrin“ von Salvatore Sciarrino. „Es macht mir Spaß, immer wieder Gelände zu betreten, dass mir fremd ist und neue Überlebensstrategien zu entwickeln“, sagt sie. Würde sie gern Regie führen? „Die Gefahr besteht nicht“, antwortet sie. Und ergänzt: „Ich könnte auch nicht sagen, welche Rolle ich gerne spielen würde, weil ich mich nicht damit beschäftige, was ich noch tun will, weil ich damit ausgelastet bin, was ich gerade tue.“