Experimentierprogramm

Jute-Tüte in Vitrine

Das Projekt als Selbstzweck: Der Humboldt Probebühne wäre eine Idee zu wünschen

Die Vitrine ist leer. Sie ist absichtlich leer. Im Gegensatz zu der anderen Vitrine. Die ist nur zufällig leer. Da kommt noch was rein. Der Besucher steht im Untergeschoss der Dahlemer Museen und begutachtet die sogenannten „(Offenen) Geheimnisse“. Das sind die Dinge, die man weiß, aber über die man nicht spricht, um den anderen nicht zu verärgern. Was man zeigen darf, ist eine Urfrage der modernen Ethnologie. Eine weitere Vitrine ist verdunkelt, und der Beobachter weiß nicht, ob sie ein Exponat verbirgt. Die nächste Vitrine öffnet sich gelegentlich, jetzt gerade mal nicht. Tja, würde man dies nicht gerade erzählt bekommen, wäre man tief berührt stehen geblieben? Voller Neugier vor halb leeren Vitrinen?

Das ist eines der Projekte, die beim Humboldt Lab am Donnerstag vorgestellt werden. Mittlerweile ist man bei Probebühne vier angelangt, und weiter wird die Frage erörtert, wie die Exponate aus den Dahlemer Museen im Schloss präsentiert werden, wenn es 2019 fertiggestellt sein wird. Ein „Experimentierprogramm für das Humboldt-Forum“ sei es, sagt Martin Heller, der es als Lab-Leiter verantwortet.

Alltagsgegenstände musealisieren

Nun ist eine Pressekonferenz, die über zwei Stunden dauert, ein guter Indikator dafür, dass sich die Macher selbst unsicher sind. Wer sich seiner Sache gewiss ist, verliert nicht viele Worte. Denn er oder sie weiß, dass die Objekte für sich sprechen.

Seit Frühjahr 2013 hingegen laufen die Probebühnen, immer wieder neue „Interventionen“, immer wieder neue Phrasen aus dem Projektdeutsch werden gedroschen: „Dieses Projekt reflektiert die Möglichkeit der Aneignung vor dem Westen fremden Wissens und fremde Kulturen über den Weg des re-enactements und der performativen Re-Konstruktion“, steht in der Pressemitteilung.

Konkret ist man nicht ganz so ergriffen wie vom grammatikalisch heiklen Jargon: Das Projekt „Europatest“ stellt eine Jute-Tüte aus. Eine ordinäre Stofftüte, die jeder Hipster bei der Einreise nach Berlin als Begrüßungsgeschenk erhält. Irgendwie scheinen die Lab-Macher es total aufregend zu finden, Alltagsgegenstände zu musealisieren. In einem anderen Projekt, mit „Süd sehen“ nach Art des Hauses verklemmt betitelt, soll das „Feld der Gegenwärtigkeit“ begutachtet werden, wie eine Ausstellungsmacherin sagt. Als wir vorbeilaufen, stellt ein Reporter einem Südsee-Bewohner die Frage: „Was schauen Sie im Fernsehen?“

Bei all den Probebühnen gab es nicht einen einzigen „Küchenzuruf“, nicht eine einzige Idee, die man in der Kaffeeküche begeistert seinen Kollegen erzählen würde. Stattdessen werden die Probebühnen immer verkopfter.

All das ist kein Urteil über die Wertigkeit. Die Idee von Avantgarde kann sich nur erhalten, wenn sie sich von dem Geschmack der Masse unterscheidet. Nur scheint das ursprüngliche Ziel verloren gegangen zu sein: Es geht darum, dass das Schloss eine Publikumsattraktion wird. Doch weil die Dahlemer Museenmacher, nach Jahren des rückläufigen Zuschauerinteresses, das Vertrauen in ihre eigenen Objekte verloren haben, suchen sie ihr Heil im Experiment.

Es hat sich jedoch nicht ohne Grund so gefügt, dass performative Kunst im Ballhaus Ost aufgeführt wird. Und nicht in der O2 World.