Sachbuch

Die großen Träume liegen auf dem Fußballplatz

Mario Götze werden sie in Dortmund, seiner Fußballheimat, nie vergeben können. Auch nicht nach dem Tor von Rio im WM-Finale. Im vergangenen Jahr ging er vom Ruhrgebiet nach Bayern für viel Geld, während der Präsident des dortigen Klubs als steuersäumiger Börsenspekulant auch seinen Ruf als anständiger Manager verspielte. Wütende Borussen überklebten Götzes Namen auf ihren Trikots. Im Rest der Fußballwelt werden die Fans seither für ihren infantilen Ärger über die geschäftsübliche Fahnenflucht belächelt. Christoph Biermann wirbt in seinem wunderbaren Buch „Wenn wir vom Fußball träumen“ um Verständnis: „Sie wollten etwas verteidigen, das man nicht als Illusion missverstehen sollte. Sie verteidigten ihre Kinderträume, ihre Fangeschichten, die meist auch Familiengeschichten sind, ihr Heimatgefühl sowie den Wunsch nach Zusammenhalt und Solidarität.“

Man muss sich heute, wenn man so über den Fußball spricht und denkt, wie Biermann schreibt, gefallen lassen, von jedem, der davon lebt und jedem landläufigen Konsumenten nicht für voll genommen zu werden. Als sei man zu blöd, die ökonomischen Gesetze, die so einfach wie der Fußball selbst sind, zu durchdringen. Es war Uli Hoeneß, der die eigenen Fans auf einer Mitgliederversammlung anbellte, die reine Fußballkultur ohne Sitzplätze und Logen sei nichts als „populistischer Scheiß“. Jetzt hat jemand das Buch dazu geschrieben. Christoph Biermann ist einer der seltenen deutschen Fußballjournalisten, die sich nicht darauf beschränken, Transfergerüchten nachzugehen, Trainer anzuzweifeln, Spielsysteme zu erörtern. Für ihn ist der kulturelle und soziale Rahmen kein Klimbim, der Fan lebt bei ihm nicht im Feuilleton.

Stolz auf den Fußballwahn

Bis in die 80ern hinein galt Stadionfußball als eher proletarisches Vergnügen, über das der Bildungsbürger kopfschüttelnd hinwegsah. In den 90ern kehrte der Fußball in die bürgerliche Lebenswelt zurück, aus der er stammte. Seither sitzen auch Familien in den Stadien, und neben stiernackigen Männern stehen freundliche Studenten und „11 Freunde“-Leser. Sie sind stolz auf ihren Fußballwahn und tragen dabei durchaus eine Mitschuld am gentrifizierten Fußball unserer Zeit.

Im Buch kehrt Biermann also zurück ins Ruhrgebiet und fragt sich, stellvertretend für alle Romantiker, warum uns weder das Geschäft noch die Gentrifizierung davon abhalten, ins Stadion zu gehen und für einen Klub, der ein Imperium sein kann oder insolvent, die ewige Liebe zu empfinden. Er lässt seiner Trauer freien Lauf über den Abriss des Georg- Melches-Stadions von Rot-Weiss Essen. Er erinnert an Vereine wie den SV Hönnepel- Niedermörmter, den TSV Marl- Hüls und die Sportfreunde Katernberg. Er zweifelt am Malochermythos. Er ist ungehalten, wenn der Kölner Schlagersänger Wolfgang Petry eine Hymne auf den Ruhrpott-Fußball singt: „Hier ist meine Heimat, hier gehöre ich hin.“ Nein, entgegnet Biermann, eine Heimat sucht man sich nicht aus und einen Fußballklub schon gar nicht.

Christoph Biermann Wenn wir vom Fußball träumen. Eine Heimreise. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 256 Seiten, 18,99 Euro