Musik

Ein Wagnis mit Rattle und Schumann

Vor kurzem gründeten die Philharmoniker ihr eigenes Label. Der Schritt hat sich gelohnt

Er sei der ideale Testkandidat für die digitale Entwicklung, sagt Olaf Maninger. Wenn er es schaffe, sich irgendwo im Netz anzumelden, dann können es auch alle Konzertliebhaber, die mit moderner Technik hadern. Von Berufs wegen ist Maninger Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker, aber auf seiner Visitenkarte stehen außerdem Medienvorstand, Mitglied des Stiftungsvorstands und Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH. Das Orchester verwaltet sich bekanntlich selbst. Traditionell wird der Cellist am heutigen Donnerstag in der Philharmonie an seinem Pult sitzen und unter Leitung von Sir Simon Rattle den Brahms-Schumann-Zyklus eröffnen. Maninger ist zugleich für die digitale Verbreitung der Konzertmitschnitte zuständig.

Philharmonische Kinosaison

Das Projekt ist mit Einführung der Digital Concert Hall, einer von den Philharmonikern geschaffenen Video-Plattform im Internet, seit 2008 immer weiter gewachsen. Rund 40 Konzerte werden pro Saison live in HD-Qualität mitgeschnitten. Auf dieser Basis finden auch die Kinoübertragungen statt. Demnächst beginnt die vierte philharmonische Kinosaison. Das Abschlusskonzert des Brahms-Schumann-Zyklus am 26. September wird in über 100 Kinos in Deutschland ebenso wie in neun weiteren europäischen Ländern gezeigt, allein in und um Berlin sind es sieben Kinos. Der Schumann-Zyklus allerdings liegt bereits als Box für 49,90 Euro auf dem Verkaufstisch. Dahinter verbirgt sich das jüngste Projekt: Im Mai erst wurde die Gründung des neuen Labels „Berliner Philharmoniker Recordings“ verkündet.

„Wer etwas Neues entwickelt, hofft natürlich immer, dass es sich wahnsinnig gut verkauft“, sagt Maninger. Er spricht auch vom „ganzheitlichen Zugang zur Musik.“ Das sind große Worte. Die Neuentwicklung ist zunächst eine schlichte Hardcover-Box, in der zwei übliche CDs, eine Blu-ray-Disc und ein Online-Code, mit dem man eine Version in hoher Auflösung herunterladen kann, enthalten sind. Darüber hinaus gibt es einen Testzugang zur Digital Concert Hall und ein Büchlein zum blättern. Das Booklet ist handlicher im Vergleich zu den knittrigen Faltblättchen in den gängigen CDs, für die man meist eine Lupe und viel guten Willen braucht. Die längliche Box selbst fällt aus dem Format, in den klassischen CD-Schrank passt sie jedenfalls nicht. Das gehört offenbar auch zur Strategie, um sich vom CD-Markt abzugrenzen.

„Die Schumann-Symphonien hatten noch nie den Ruf, todsichere Bestseller zu sein“, sagte Simon Rattle zur Veröffentlichung, aber es sei eine Musik, „die uns wie kaum eine andere am Herzen liegt“. Das mit dem riskanten Einstieg bestätigt auch Maninger: „Schumann gilt als Ladenhüter.“ Und dennoch wollten die Philharmoniker ihr Angebot selbst bestimmen. „Wir haben gesagt, dass wir nicht irgend etwas auf den Markt werfen wollen. Die Veröffentlichung sollte eine Idee vermitteln und einen kompletten Werkzyklus umfassen.“ Inzwischen liegen Bachs Matthäus- und Johannespassion in der Inszenierung von Peter Sellars vor. Auch andere Dirigenten sind im Gespräch, es wird bereits über die Rechte verhandelt. Allerdings zögern die Philharmoniker sowieso noch etwas mit der Veröffentlichung, weil das neue Label zunächst imagemäßig an den Chefdirigenten Simon Rattle gebunden bleiben soll.

Für ein Resümee sei es noch zu früh, sagt Maninger. Verkaufszahlen will er noch nicht nennen. Allerdings kann er schon sagen, dass derzeit die meisten Philharmoniker-Boxen in Japan verkauft werden. In Tokio ist er selbst einmal auf einen Philharmoniker-Freundeskreis gestoßen, der sich neben einem Restaurant ein kleines Kino eingerichtet hat und sich nach dem Essen gemeinsam Philharmoniker-Konzerte anschaut. Am meisten überrascht hat den Medienvorstand in den letzten Wochen allerdings, dass jeder vierte Käufer der Schumann-Edition den beiliegenden Download-Code für eine hochaufgelöste Audio-Datei genutzt hat. Es gibt offenbar ein Interesse an höchster Soundqualität.

„Wir haben den Weg der Plattenindustrie immer sehr genau verfolgt“, sagt Maninger. „Und irgendwann haben wir gemeinsam mit Sir Simon beschlossen, dass wir das in die eigene Hand nehmen. Da spielte der abrupte Wechsel von EMI zu Warner und ein gerade auslaufender Vertrag bei uns eine Rolle.“ Dass es keine hörbaren Dissonanzen zwischen den Beteiligten gab, mag wohl auch damit zusammen hängen, dass im kleinen Klassikmarkt keiner dem anderen weh tun darf. Die Klassik lebt von Harmonie. Und man braucht sich. Maninger spricht von einem Schulterschluss mit allen Major-Labels, ob sie nun Warner, Deutsche Grammophon, Sony oder Decca heißen.

Dabei geht es um die Rechte der Exklusivkünstler, die sie an ihre Labels abgetreten haben. „Wenn sich eines der großen Labels querstellen würde, wäre das für ein Projekt wie die Digital Concert Hall durchaus kritisch“, sagt Maninger: „Die lebt davon, dass das Publikum jede Woche live in der Berliner Philharmonie dabei sein kann.“ Die Philharmoniker haben ausgerechnet, dass sie durchschnittlich 4,3 Künstler pro Konzert beschäftigen. Dazu gehören das Orchester als ein Ensemble, der Dirigent, Solisten, Sänger. In Bachs Passionen sind es deutlich mehr Beteiligte. Und alle müssen zustimmen.

Wobei es auch Künstler gibt, wie etwa den Pianisten Krystian Zimerman, die sich am liebsten den neuen Medien verweigern. Aber das sind wenige Ausnahmen im Klassikbetrieb. Die Mehrheit hat sich dem Trend der medialen Vermarktung angeschlossen, selbst wenn damit nicht mehr viel Geld zu verdienen ist. Maninger gehört zu jenen, die glauben, dass die physischen Verkaufsmodelle irgendwann enden. Aber noch ist es irgendwie ein Markt. Inzwischen gibt es den Schumann-Zyklus sogar auf Vinyl. Die gute alte Schallplatte hat aber heute ihren Preis, 139 Euro kostet das Paket.

Die Schallplatte ist eine Nische

Es bleibe eine Nische, so Maninger, die aber gut funktioniere. „Wenn man ein haptisches Produkt entwickelt, dann muss man es schön, sinnlich machen, damit man es gerne in die Hand nimmt. Das bedient den Wunsch viele klassischer Musikliebhaber. Es gibt sicherlich viele, die das Abrufen digitaler Dateien weniger spannend finden, sondern sich lieber eine Schallplatte auflegen.“

Genau genommen liegt ein Mitschnitt der Schumann-Symphonien bereits vor den Konzerten vor. Wird es denn jetzt in der Philharmonie anders klingen? Hat sich in dem Dreivierteljahr etwas verändert? „Natürlich klingt es anders“, sagt der Cellist sofort. Und verweist auf das Sommerlicht. „Die Stimmung ist eine völlig andere. Und je öfter man solche Werke spielt, desto natürlicher wird der Umgang jedes einzelnen Musiker mit der Musik. Sie bekommt einen immer feineren Schliff. “