Klassik-Kritik

Gardiner dirigiert Mendelssohn in Spitzenqualität

London Symphony Orchestra überzeugt beim Musikfest

So einen Mendelssohn hört man nicht alle Abende in der Philharmonie: so flott, so schlank, so bündig. Mit sehnigen Streichern und offensiven Holzbläsern, mit rauem Blech und knackiger Pauke. Es ist der typische Gardiner-Sound, den das London Symphony Orchestra zum Musikfest mitgebracht hat. Eine radikale Klangästhetik, die sich an historischen Originalinstrumenten orientiert. Dirigentenlegende Sir John Eliot Gardiner setzt sie seit Jahrzehnten mit bewundernswerter Konsequenz durch. Er hat dafür sogar Orchester, Chor und Plattenlabel neu gegründet. Auch die Londoner wirken an diesem Abend wie ein speziell von Gardiner ins Leben gerufenes Ensemble. Geigen und Bratschen müssen im Stehen spielen, natürlich ohne Vibrato. Ihr geräuschhafter, urwüchsiger Ton wirkt, als hätten die Musiker kurz zuvor Darmsaiten aufgezogen.

Der 71-jährige Brite hat das Orchester in zügigem Griff, übt soghafte Kontrolle aus. Nur ein einziges Mal droht ihm der Mendelssohn zu entgleiten, und das wortwörtlich – als Gardiner in emphatischer Erregung ein paar Partiturseiten beinahe zu Boden fegt. Mit der Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ und der „Reformations-Symphonie“ stehen zwei frühe Mendelssohn-Werke auf dem Programm, über die bis heute so manche Nase gerümpft worden ist. Die „Meeresstille“ nach Gedichten von Goethe – unentschieden scheint sie zwischen Tonmalerei, Klangpoesie und absoluter Musik zu schwanken.

Voller irritierender Rätsel

Und Mendelssohns viel gescholtene „Reformations-Symphonie“? Ihren überdeutlichen programmatischen Anspruch löst sie nur in den Außensätzen ein, in den leichtgewichtigen kurzen Mittelsätzen dagegen gibt sie irritierende Rätsel auf. Warum beispielsweise erinnert das g-Moll-Thema des langsamen dritten Satzes so sehr an die jüdische Melodie „Hevenu shalom alechem“? Was für einen Sinn macht es, mit dieser wunderbar geschwungenen Kantilene den protestantischen Schlachtgesang „Ein feste Burg“ einzuleiten? Gardiner tut das einzig Richtige: Er konzentriert sich auf die pure, absolute Musik. Virtuos lässt er Mendelssohns‘ Ideenwelt sprudeln. Das imprägnierte historische Klanggewand sorgt für den einheitlichen Rahmen.

Nur eines schafft er an diesem Abend nicht – Robert Schumanns kurioses Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86 nachhaltig in den Publikumsohren zu verankern. Äußerst lebhaft treibt Gardiner die Musiker durch die Sätze. Selbst die langsame Romanze quirlt munter. Das Hornquartett, angeführt von Radovan Vlatković, verströmt Wohlklang in Spitzenqualität. Doch mehr als ein eher unbedeutendes Routinewerk Schumanns kommt leider trotzdem nicht heraus. Umso meisterlicher dagegen Gardiners bejubelte Zugabe an diesem Abend: ein luftig leichtes, und doch präzise rasendes „Scherzo“ aus Mendelssohns Sommernachtstraum op. 61.