Kino

Sex, Lügen und Selbstoptimierung

„Schoßgebete“ wurde ein Bestseller, weil er radikal war. Die Verfilmung hingegen ist zahm

Es gibt ein Problem mit dem Sex. Auch wenn Elizabeth Kiehl ihr Publikum mit großer Dringlichkeit vom Gegenteil überzeugen will. Als Ouvertüre zu ihrer Lebensgeschichte wählt die Ich-Erzählerin eine dreizehnseitige, tendenziell manische Beschreibung ihres Sex-Lebens. „Wie eine Kuh ihr Kalb sauber leckt“, beginnt sie erst mit einer Reinigungsaktion. Dann arbeitet sie sich in anatomischer Genauigkeit mit den Händen vor. „Unter dem Sack ertaste ich die Verlängerung seines Schwellkörpers, der bis zum Damm geht.“ Elizabeth will bei allem die beste sein, die beste Ehefrau, die beste Therapiepatientin, die beste Mutter und, wie in dieser Szene, die beste Liebhaberin.

Der Sex ist in dieser Beschreibung nicht nur reiner Sex. Er wird überhöht im Vergleich mit dem Geruch in der Küche ihrer Großmutter und in der Darstellung als lebenserhaltende Maßnahme für sich selbst. „Tief einatmen und ausatmen. Das ist der einzige Moment am Tag, wo ich richtig atme.“ Der Sex ist verbunden mit dem Trauma, das das Leben der Erzählerin bestimmt. Der Verkehrsunfall, bei dem ihre drei Brüder starben. Sex, Essen, Schuld, Selbstoptimierung, Atmen, Tod, es hängt alles zusammen in „Schoßgebete“, dem zweiten Roman der Autorin Charlotte Roche.

Als das Buch 2011 im Piper Verlag erschien, sollte es ein Skandal mit Ansage werden. Nicht unbedingt wegen des vermeintlichen Tabu-Bruchs, der Beschreibung ehelichen Sex, oder der Tatsache, dass die Erzählerin mit ihrem Mann gemeinsam zu Prostituierten geht. Sondern viel mehr wegen dem körperflüssigkeitsfreudigen Erstling der Autorin „Feuchtgebiete“, die tatsächlich für landesweite Aufregung sorgte. Als „Feuchtgebiete“ schließlich verfilmt wurde, schauten alle hin. Wird es genauso eklig wie im Buch?

Kann nichts schiefgehen, oder?

Ab Donnerstag wird nun die Verfilmung der „Schoßgebete“ im Kino zu bewundern sein. Und alleine die Besetzung sorgt für einige Aufmerksamkeit: Produzent ist Oliver Berben, der auch das Drehbuch schrieb, Regisseur Sönke Wortmann, die Rolle der Elizabeth Kiehl spielt Lavinia Wilson, die ihres Mannes Jürgen Vogel, ihre Therapeutin ist Juliane Köhler, ihre Mutter Anna Stieblich. Kann eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Gäbe es da nicht dieses Problem mit dem Sex. Anders als eine Erzählstimme im Roman könnte bei einer Adaption für das Kino die permanent dazwischenquatschende und für alles gelobt werden wollende Elizabeth den Blick des Zuschauers wohl kaum von einem mehrminütigen Blow-Job ablenken. Da kann sie noch so viele Assoziationen wecken wollen, sehen würde man letztendlich doch vor allem den erigierten Penis und die Zunge, die Brüste der Prostituierten. Selbst die stärkste Erzählstimme könnte diese Porno-Sequenzen nicht brechen. Das, was dem Buch gelungen ist, hätte eine ebenso komplett radikale filmische Bearbeitung gebraucht. Aber daran wagt sich die Verfilmung von „Schoßgebete“ nicht heran.

Nach dem tödlichen Verkehrsunfall, bei dem ihre Brüder starben und bei dem ihre Mutter schwer verletzt wurde, setzt ein Boulevard-Blatt der Romanheldin zu. Überall wittert Elizabeth Kiehl seither Kameras, auch beim Puff-Besuch mit ihrem Mann. Der Film „Schoßgebete“ setzt ein mit dieser Fantasie des Amoklaufs. Und mit dieser Entscheidung besiegelt er sein Scheitern. Das offene Reden über Sex hat den Reiz des Buches ausgemacht. Erotisch und doch gleichzeitig alltäglich und banal, aufregend und doch im ewigen Zwiegespräch mit feministischen oder körperlichen Idealbildern – so wie Charlotte Roche in „Schoßgebete“ hat man Sex selten beschrieben. Auch wenn nicht wie einige Rezensenten jeder Leser gleich einen Bewusstseinsstrom nach James Joyce hinter dem Geplappere sahen, so regten ihre Gedanken doch Diskussionen an. Reden wir zu wenig über Sex? Zu wenig ehrlich? Welche Macht geben wir unserem Voyeurismus? Unseren eigenen Ansprüchen an uns selbst? Die Autorin hat mit ihrer Persönlichkeit und ihrer offenen Art in Interviews und bei Lesungen erheblich zu dieser Debatte beigetragen.

Aber genau diese Persönlichkeit fehlt jetzt in dem Film. Die Angst vor den Augen und Ohren der Nachbarn teilt die filmische Kiehl nicht. Sie lässt sich von ihrem Mann draußen im Garten an die Wohnzimmerscheibe gelehnt nehmen. Aber trotzdem scheint sie dabei viel ängstlicher und angestrengter als die Romanheldin. Der Film traut seinem Stoff nicht, oder er traut sich seinen Stoff nicht zu. Auch die Puffszenen verpuffen in plüschigen Bademänteln. Dazu wird allerhand banales Familienleben gemischt. Wie man Wirsing kocht oder Hexen aus Kinderzimmern vertreibt.

Das einzige, was der Film in aller Brutalität zeigt, ist die Darmwurmbefall, den sich Elizabeth mit einem Tesafilmstreifen aus dem After zieht und an dem Spiegel zerquetscht und der tödliche Unfall der Brüder, zu denen hier noch eine Schwester dazu gemogelt wurde. Aber weil er die Beziehung zu diesen vorher nicht aufbaut, bleibt einem selbst dieser unsagbare grauenhafte Moment im Leben der Protagonistin, ihr Trauma, seltsam fremd. Es geht unter in den wunderschönen Designerbildern der Therapiestunden und den Horrorfilmszenen vom Unfallort, in dem wir blutverschmierte Menschen vom Unfallort wegtaumeln sehen, wo Explosionen Autos zerfetzen und Hände auf Steuerrädern kleben bleiben.

Charlotte Roche spielt in „Schoßgebete“ mit ihrer Lebensgeschichte. Ihre Brüder und ihre Mutter hatten auf dem Weg zu ihrer Hochzeit tatsächlich einen schweren Verkehrsunfall. Und in der Folge bekämpfte Roche Boulevard-Zeitungen und deren Versuche, mit ihrem Unglück Auflage zu machen. In ihrem Roman erzählte sie von den Folgen, die diese Traumata auf eine junge Frau haben kann, eine Frau, die so ist wie sie und dann doch wieder nicht. Dieses Spiel mit der Biografie gelingt im Film nicht. Er wagt sich nicht an die Grenzen dieser Erzählung heran.