Literatur

Krasser leben

Verena Güntners Romandebüt ist drastisch, mit Freude an Obsessionen und jugendlichem Sex. Ein Treffen in Kreuzberg

Im „Casolare“, einem Italiener am Ufer der Landwehrkanals, bestelle ich eine Pizza Nutella. In Wirklichkeit heißt sie anders, aber in Verena Güntners Romandebüt „Es bringen“ (Kiepenheuer & Witsch, 250 Seiten, 18,99 Euro) gibt es ein Pony namens Nutella. Eine Spezialität im „Casolare“ ist Pferdefleisch.

„Das ist krass“, sagt die Autorin, die eigentlich von Beruf Schauspielerin ist, und guckt neugierig. Dann sagt sie: „Das hab ich mir ganz anders vorgestellt.“ Sie meint die dünnen Raspel, die die Pizza überziehen wie – um sich bildlich ihrem Buch zu nähern – Zigarettenkippen eine Wiese, wenn man aus einem Hochhaus runterguckt. In ihrer Reaktion liegt schon eine Menge von Verena Güntner und auch von „Es bringen“.

Knapp über Schulhofniveau

Die Geschichte ist auch krass. Ihre Hauptfigur ist der 16-Jährige Luis, Sohn einer 32-jährigen Mutter, die bald eine Affäre mit Luis’ bestem Freund Milan, 20, anfängt. Luis mag: saufen, ficken, Freibäder. Er mag nicht: fern sehen, Hohlbirnen, Höhenangst. Aber weil er, wie er häufig betont, Trainer und Mannschaft in einem ist, kriegt er die Höhenangst schließlich in den Griff. Mit einem entsprechenden Zeichen, in dem die Buchstaben T und M verschmilzen, bekritzelt er die Umgebung.

Die Umgebung, das ist: eine Hochhaussiedlung, ein Freibad, ein Fluss, eine Koppel, auf der Nutella steht, eine Schule und das Nebelhorn (so zwischen ein und drei Stunden Fahrzeit entfernt). Überhaupt weiß man nur dank des Nebelhorns, dass man in Süddeutschland ist. Und weil einmal Drum’n’Bass erwähnt wird, ein Musikstil, weiß man, dass man nicht in den 80ern ist, sondern mindestens in den 90ern. „Ich hab’ überlegt, ob ich es rausnehmen soll“, sagt Verena Güntner. „Aber mein Lektor meinte, nein.“

Die Probleme sind existenziell gedeckelt, auf knapp über Schulhofniveau. Es gibt depressive Mütter oder solche, die dauernd vergessen, dass sie welche sind. Einmal stirbt ein zäher Pole, den alle mochten. Güntners enorme Leistung besteht darin, wie sie sich einfühlt, in den Kopf von Luis, der ja aller Wahrscheinlichkeit nach das Gegenteil von ihr ist. In einem Fragebogen, den sie ausfüllte, nachdem sie mit einem Textauszug letztes Jahr einen Nebenpreis des Bachmannwettbewerbs gewonnen hatte, schrieb sie unter dem Stichwort „Ihr Motto?“: „Keine Pläne (sorry, Luis!)“ Denn Luis macht dauernd Pläne. Er ist schon regelrecht obsessiv. Und auf diese Obsessionen ist Güntner ganz offensichtlich neugierig.

Und wie Güntner die Pizza Nutella, so könnte man sich das Ergebnis dieser Neugier ja auch ganz anders vorstellen. Zum Beispiel bemüht, sozialverkitscht, künstlich. Ist es aber nicht – höchstens künstlich, aber das ist was Gutes. Denn „Es bringen“ behauptet an keiner Stelle, irgendwie authentisch zu sein. Güntner schafft es durch eine extreme Kunstsprache, den Eindruck einer unmittelbaren Wirklichkeit zu erzeugen.

Die Ulmerin hat am Mozarteum in Salzburg studiert und tingelte dann so durch die Provinz, eine Menge Wiesbaden und ein Engagement in Bremen. „Irgendwann hab’ ich gemerkt, dass mir da was fehlt“, sagt sie, die übrigens eine Pizza mit Mozarella bestellt hat und gerade in Zeitlupe isst. Sie lacht viel, ist ziemlich hübsch und sagenhaft unaffektiert. Das kann natürlich einstudierte Theaterpose sein, aber wenn, dann wäre es über Bremer Stadttheaterniveau. Sie isst dann doch nur halb auf. Es gibt aber auch jede Menge Wespen, die nerven.

Man kann mit ihr über die Leute im Buch reden wie über gemeinsame Bekannte. Tatsächlich ist das Tollste an „Es bringen“, wie Güntner den bundesrepublikanischen Sommer der 90er-Jahre heraufbeschwört. Es liegt eine große Liebe und Zartheit über dem Text. Ein Verliebtsein in den ewigen blauen Himmel, an den sich bestimmt jeder erinnert, der Mitte der 90er jung war. Das draußen Herumcruisen, Biertrinken im Wald, am Fluss, auf der Wiese. Die Jungscliquen, in denen es zuverlässig einen Milan gab, den mysteriösen Schweiger, dem alle instinktiv folgten, weil sie spürten, dass er schon weiter war als sie. Und einen Marco, den Schwabbel, der sich im Freibad heimlich Süßigkeiten reinzog, weil es für die Mädchen ja doch nicht reichte. Und vielleicht auch einen Luis, auch wenn der so bemerkenswert ist in seiner Mischung aus Unbedarftheit und Cleverness, Verwirrung und Charakterstärke, dass man schon mal ein ganzes Buch über ihn lesen will.

„Es bringen“ erinnert, man muss es schließlich erwähnen, natürlich ziemlich an „Tschick“. Wolfgang Herrndorfs romantischer Roadtrip hat viele Fans. Da kann man im Vergleich nur verlieren. Güntner ist vorbildlich beherrscht und zuckt nur ein klein bisschen, wenn der Titel fällt. Sie hat, sagt sie, „Es bringen“ schon circa 2007 angefangen und es dann lange liegen lassen. Das erste Kapitel sei schon ganz da gewesen.

Kann ja schon sein. Auch Herrndorf war ein über Umwege Berufener, in seinem Fall nicht Schauspieler, sondern Maler. Jedenfalls kein Literaturbetriebshausgewächs, keiner, der seine Karriere und seinen Ton generalstabsmäßig aus Hildesheimer oder Leipziger Poetikkasernen heraus geplant hätte, sondern irgendwo in Berlin herumlief, Fahrrad fuhr, schwimmen ging und die Geschichten so lange liegen ließ, bis seine schwere Krankheit ihn zwang, sie endlich mal fertig zu schreiben.

In Kürze erscheint „Isa“, Herrndorfs Nachlass, Fortgespinst von „Tschick“, die Geschichte des Mädchens, das Maik und Tschick auf einer Müllkippe treffen und in das Maik sich verliebt. Das wird dann vielleicht der Komplementärtext zu „Es bringen“, ein zarter Mann denkt sich in ein wildes Mädchen hinein, schreibt seine Gefühle und Gedanken in derselben Ich-Perspektive, in der Güntner Luis geschaffen hat.

Im „Casolare“ war es übrigens noch sehr nett. An Fakten lässt sich berichten: Güntner war noch nie im Berghain, ist kürzlich von Kreuzberg nach Schöneberg gezogen, saß früher gern an der Donau herum und jetzt am Landwehrkanal, kennt Tom Cruise’ berühmten Tanz in Unterhosen in „Risky Business“ (1983) nicht, findet auch, dass die hässlichen Balkonvorsprünge an den Häusern auf der anderen Straßenseite an den Sternenzerstörer aus „Star Wars“ erinnern. Ansonsten gilt: „Hier ist leider schön.“ So ein Satz überrascht nur den Uneingeweihten. Denn die vielleicht entscheidende Lebensweisheit, die einem Luis in „Es bringen“ mit auf den Weg gibt, lautet, man solle sich mit Mädchen, die man gut findet, nie an romantischen Orten wie in Parks treffen, sondern lieber in Hochhaussiedlungen, denn: „Ich lass’ mich doch nicht auf ne Konkurrenzsituation mit ’nem Rosenbusch ein!“