Theater

„Ich schreibe Texte für Großstädter“

Kommende Woche erhält sein Stück den Friedrich-Luft-Preis: Falk Richter im Interview

Zwischen zwei Premieren treffen wir Falk Richter. „Never Forever“ kam in der vergangenen Woche an der Schaubühne heraus, die nächste Uraufführung „Complexity of Belonging“, die er mit der Choreografin Anouk van Dijk erarbeitet, hat am 8. Oktober Premiere auf dem Melbourne Festival. Falk Richter, 1969 in Hamburg geboren, arbeitet regelmäßig an der Schaubühne. Nicht nur eigene Stücke, sondern auch klassische Dramen und Opern. Für seine Arbeit „For the disconnected Child“, eine Koproduktion zwischen Staatsoper und Schaubühne, erhält der Autor und Regisseur am 19. September den Friedrich-Luft-Preis 2013. Der Theaterpreis der Berliner Morgenpost wird im Anschluss an die Vorstellung in der Schaubühne überreicht.

Berliner Morgenpost:

Herr Richter, Sie arbeiten an zwei Inszenierungen derzeit. Klingt irgendwie anstrengend.

Falk Richter:

Aber ich habe an tollen Orten gearbeitet, war auf der Theaterbiennale in Venedig, habe dort eine Masterclass gegeben und eine kleine Inszenierung gemacht. Ich war zwischendurch in Berlin am See und eine Woche auf Island, um mich mit dem Musiker Helgi Hrafn Jónsson zu treffen...

... der in „For the disconnencted Child“ so hinreißende Songs singt.

Wir haben über ein neues Projekt, über neue Musik gesprochen. Helgi lebt mit seiner Frau, einer Country-Singer-Songwriterin, in Reykjavík in einem Haus am Meer – mit Tonstudio. Er hat mir aber auch die Insel gezeigt, wir waren sogar Hochseeangeln.

„For the disconnected Child“ hat sich an der Schaubühne zu einem richtigen Hit entwickelt.

Die Inszenierung läuft mittlerweile in der dritten Spielzeit und soll weitergespielt werden.

Das war nicht unbedingt zu erwarten.

Hier am Haus war man erst auch eher skeptisch. Ein Stück mit Neuer Musik und Tanz...

... und Opernsängern, Schauspielern, Video. Haben Sie zuvor schon einmal so genreübergreifend gearbeitet?

Das war bislang die größte Produktion, wo alles, was ich in den letzten Jahren gemacht oder ausprobiert habe, zusammenfließt: Elektronische und Neue Musik, dazu klassische, es ist ja auch Tschaikowski dabei, Tanz, meine Texte, Opern- und ein Popsänger. Alles Elemente, die mich fasziniert und begleitet haben. Und dann kam das Angebot von der Staatsoper. Eigentlich sollte ich dort eine Mozart-Oper inszenieren. Dann habe ich mit dem Intendanten Jürgen Flimm gesprochen und gesagt, ich würde lieber was eigenes machen und habe ihm mein Projekt vorgestellt. Er fand das spannend und dann hatte „For the disconnected Child“ im Rahmen des „Infektion!“-Festivals Premiere.

Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Stück „For the disconnected Child“?

Ich wurde durch ein Telefonat mit einer alten Schulfreundin angeregt. Die hatte sich gerade zum zweiten Mal scheiden lassen und sich dann auf diesen Internet-Dating-Markt geschmissen. Das hat mich interessiert, wie das gerade für eine Frau ist, die eine gewisse Karriere hingelegt hat, mit ihren Kindern zusammenlebt und zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat. Auf welche Männer wird sie treffen? Was für einen Beziehungsmarkt gibt es? Im Grunde hatte sie dann Schwierigkeiten, einen Mann zu finden, weil sich keiner mehr binden wollte. Das ging für mich zusammen mit der Tschaikowski-Oper „Eugin Onegin“, wo eigentlich das erste Mal in der Literatur ein Mann beschrieben wurde, der sich entzieht. Der keine feste Bindung eingehen will. Der sehr begehrt wird, aber ein aufregenderes Leben will als die Ehe.

Das dürfte es heutzutage häufiger geben.

Onegin war vielleicht die Ursprungsfigur. Und dann geht die Assoziationskette los. Die nächste Assoziation ist dann, dass es um Gefühle geht, darum wie Menschen heute fühlen und welche Gefühle sie vermissen. Liebe, Beziehungen, Emotionen sind ja große Themen der Oper ist, aber keine Themen der zeitgenössischen Oper. Die Neue Musik versucht, extrem unemotional zu sein. Und der Helgi wiederum ist so ganz emotional. Mich hat es interessiert, diese Gegensätze zusammenzubringen. Und die Komponisten mit Texten zu konfrontieren, die von Gefühlen handeln, vom modernen Gefühlsleben – das war für die eine echte Herausforderung.

Wird ein so komplexer Abend wie „For the disconnected Child“ an anderen Bühnen nachgespielt?

Es ist manchmal erstaunlich, was alles nachgespielt wird. „Trust“ zum Beispiel. Da hatte ich auch gedacht, dass ist jetzt der Text für dieses Projekt. Mittlerweile wurde es in 20 Sprachen übersetzt und an vielen Orten gespielt, demnächst in Rio de Janeiro. „For the disconnected Child“ wurde auch nachgefragt. Die Leute, die sich dafür interessieren, machen dann etwas ganz anderes als ich, so ist „Trust“ teilweise als Schauspieltheater inszeniert worden. Manche Regisseure bauen sich mehren Stücken ihren eigenen Abend zusammen. Ich versuche, mir die Sachen anzuschauen, zumindest die DVDs. Andere Stücke wie „Unter Eis“ werden aber auch so nachgespielt, wie ich sie geschrieben habe.

„Unter Eis“ ist für Ihre Verhältnisse geradezu ein klassisches Werk.

Ja, es hat noch so eine Struktur.