Gedenken

Erste Liebe und Literatur

Eine Gedenktafel erinnert die Berliner Jahre von Marcel Reich-Ranicki

Dort oben habe sich sein Vater zum ersten Mal geküsst, sagt Andrew Ranicki und zeigt nach oben auf einen Balkon des Hauses an der Güntzelstraße 53. Und es wäre gar nicht so schlecht gewesen, habe sein Vater später gesagt. Mit viel Respekt und einer Prise Humor wird am Freitag an dem Haus, in dem Marcel Reich-Ranicki von 1934 bis 1938 lebte, eine Gedenktafel für den großen Literaturkritiker enthüllt. Bemerkenswert viele, vielleicht an die 150 Menschen, haben sich vor der Haustür eingefunden. Dort erinnert der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in seiner Rede an die späte Kindheit Reich-Ranickis in Wilmersdorf. „Ohne Berlin wäre er kein Kritiker geworden“, sagt Wowereit. Hier habe er seine Liebe zur deutschen Literatur entdeckt.

Helmut Karasek, der lange Jahre mit Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ für die Fernsehnation über Bücher und Autoren stritt, erinnert daran, dass sein Freund in Berlin gerade auch das Theater für sich entdeckte. Beide haben später viel darüber geredet.

Bereits 1929 ist Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) mit seinen Eltern nach Berlin gekommen. Er besucht zunächst das Werner-Siemens-Realgymnasium, und nach dessen Auflösung durch die Nazis, 1935 das Fichte-Gymnasium in Wilmersdorf. Mit dem jüdischen Mitschüler wird vergleichsweise anständig umgegangen. Das Studium an der Universität bleibt ihm aber verwehrt. 1938, im Rahmen der „Polenaktion“, wird Reich-Ranicki nach Polen deportiert. 1943 kann er mit seiner Frau Teofila aus dem Warschauer Ghetto fliehen.

Seine Liebe zur Literatur, insbesondere zu Thomas Mann, so Helmut Karasek, geht auf die Berliner Jahre zurück. Mann hatte die Nationalsozialisten offiziell verurteilt, und der junge Reich-Ranicki entdeckte einen Verbündeten in der deutschen Literatur. Das sollte ihn ein Leben lang prägen.

Sohn Andrew Ranicki wird schließlich noch ein Detail aus der Rede Wowereits korrigieren. Seine Eltern wären nicht in Hamburg, sondern in Frankfurt bestattet. Hauptsache, sagt Ranicki, sie haben ein Grab. Seine Großeltern waren 1942 in Treblinka ermordet worden und haben kein Grab. An Helene und David Reich erinnern jetzt zwei Stolpersteine an der Güntzelstraße 53.