Musikkritik

Die Opernkompanie Novoflot erträumt sich eine neue Kultur

Im Foyer des Radialsystems ist ein Tunnel aus ungleichmäßig gesteckten, eckigen Aluminiumstangen aufgebaut. Darin gehen mehrere Künstler Tätigkeiten nach, die sie auch im wirklichen Leben ebenso stark beschäftigen dürften wie die Kunst selbst: dem Ein- und Auspacken von Instrumenten, dem Austarieren der Soundanlage, dem Einspielen. Ein stummes Video mit Untertiteln erscheint an einer Wand: Eine ältere Dame fragt telefonisch bei einem gewissen Herrn Flugelmeier an, wann denn nun endlich die Spielzeit anfange und sie ihre Ticket-Gutscheine einlösen könne.

Genau dazu wird es vermutlich nie kommen. Herr Flugelmeier legt wortlos auf. In der von Novoflot gewohnten Rätselhaftigkeit und Offenheit spielt die Musiktheatergruppe den größten anzunehmenden Unfall des deutschen Kulturbetriebs durch: dass eines nicht fernen Herbstes sich kein Vorhang eines deutschen, öffentlich subventionierten Stadt- oder Staatstheater noch hebt. Die Künstler werden dann andere Wege des Fortbestehens gefunden haben, von denen die gespielten Werke natürlich nicht unberührt bleiben.

„Die T-House Tour“ heißt nun dieses neueste Bühnenexperiment von Novoflot, welches sich, wie Ende 2013 bereits die eigenwillige Restauration der russischen Futuristenoper „Der Sieg über die Sonne“, über mehrere Tage erstreckt. Damals gab es zum Teil improvisatorisch immer neu disponierte Aufführungen an verschiedenen Berliner Orten über etwa 10 Tage, nun erstrecken sich die „Tourstationen“ über fünf Events bis zum Januar 2015. Man ahnte es schon bei der Futuristenoper: Der Gedanke des zeitlich und örtlich nicht mehr zusammenhängenden Bühnenwerks wird von Novoflot auf das Auseinanderbrechen der traditionellen Kulturinstitutionen bezogen, die die Wiederkehr und die Neuschöpfung des Zusammenhängenden überhaupt garantiert haben. Die Musiktheatertruppe Novoflot ersinnt im Radialsystem sozusagen eine Kunst, die ohne Kulturbetrieb auskommt. Nun wird mit dem, was noch da ist, improvisiert.