Literatur

„Erst durch die Jagd wurden wir zu Menschen“

Stiftungspräsident Hermann Parzinger fand Zeit für eine dickleibige Geschichte unserer Spezies

Es kommt nicht oft vor, dass ein international tätiger Kulturmanager etwas anderes schreibt als Grußworte oder Aktennotizen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bohrt gern dickere Bretter. 848 Seiten lang ist sein neues Buch „Die Kinder des Prometheus“ geworden, „Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“, die in der kommenden Woche bei C. H. Beck erscheint. Beim Gespräch in Parzingers Berliner Dienstvilla über die faszinierende Erfolgsgeschichte von Homo sapiens verloren sich die Probleme der Gegenwart schnell im Irgendwo.

Berliner Morgenpost:

Der Präsident einer der größten Kulturstiftungen der Welt wuchtet ein Mammutwerk in die Welt, das Millionen Jahre Menschheitsgeschichte erzählt. Darüber darf man staunen.

Hermann Parzinger:

Ich schreibe gern, das ist für mich nicht Arbeit, sondern eine Art Erholung, schreiben versetzt mich in eine andere Welt. Die Arbeit an dem Buch, die sich über Jahre hinzog, war für mich ein wunderbarer Ausgleich.

Ist das eine Erholung von Ihrem anstrengenden Job?

Ich bin Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, aber auch Wissenschaftler und Archäologe, wenngleich die Aufgaben in der Stiftung natürlich im Vordergrund stehen. Aber bei inhaltlichen Fragen zur Museumsinsel und zum Humboldt-Forum im Berliner Schloss stößt man immer wieder auf grundlegende Phänomene der Menschheitsgeschichte. Bei mir hat das den Blick in eine globale Perspektive geweitet.

Aber wie schaffen Sie dieses gewaltige Pensum? Sie können doch nicht den archäologischen Forschungsstand für einen Zeitraum von Millionen Jahren präsent haben?

Die Sesshaftwerdung und das Entstehen komplexer Gesellschaften beschäftigen mich seit meiner Studienzeit. Über die Jahre hinweg habe ich viel Material gesammelt und zahllose Projekte durchgeführt. Dahinter stand immer der Wunsch, das mal zusammenzutragen. Die Archäologie verliert sich ja oft in sehr speziellen Einzeldarstellungen. Ich wollte einmal eine Gesamtschau der Grundmechanismen früher Menschheitsgeschichte wagen.

Ist das nicht kühn, Zeiträume von Jahrmillionen in eine Erzählung zu packen, die von Menschen handelt?

Nicht im geringsten, wenn man sich streng an die Quellen hält und diese in ihrer Aussagekraft nicht überfordert. Ich erzähle aber auch von dem, was wir nicht wissen können. Allerdings bemühe ich mich schon, dem Leser anschaulich zu machen, wie diese frühe Geschichte der Menschheit verlaufen ist. In diese Epochen fallen die Nutzung des Feuers, die Sesshaftwerdung, der Übergang zum produzierenden Wirtschaften aber auch die Entwicklung von Spiritualität und Kunst und vieles mehr.

Im Untertitel Ihres Buches springen zwei Begriffe ins Auge: „Geschichte“ und „Menschheit“. Wann beginnt Geschichte, wer zählt zur Menschheit?

Das ist ziemlich klar. Die frühesten Hominidenreste, gefunden in der Sahel-Zone im heutigen Tschad, sind etwa sieben Millionen Jahre alt. Das ist der biologische Beginn der Menschheit. Der Mensch als kulturelles Wesen tritt mit den ersten Steingeräten in Erscheinung. Das war vermutlich der Homo habilis vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren. In der Oldowai-Schlucht in Tansania fand man die ältesten Geröllgeräte, bearbeitete Steine, die zur Zerkleinerung von Fleisch dienten. Aus dem Vegetarier Australopithecus war ein Aasfresser geworden.

Ein ziemliches Problem für den Vegetarier.

Das ist es, was mich das ganze Buch hindurch interessiert: den Menschen aufgrund seiner materiellen Hinterlassenschaften als planmäßig handelndes, denkendes, kulturelles Wesen aufzuspüren, der Probleme lösen kann. Das beginnt mit dem Übergang zum Aasfresser.

Am Ende resümieren Sie, die Arbeit an dem Buch habe Ihnen die Hinfälligkeit jeglicher menschlicher Kultur vor Augen geführt. Wie sehr gefährdet die Beschäftigung mit so langen Zeiträumen den Glauben an die Stabilität unserer gegenwärtigen Verhältnisse?

Über Jahrtausende ungestörte Entwicklungen gibt es selten. Zum einen können sich einmal erreichte Kulturverhältnisse sehr lange unverändert halten. In anderen Weltregionen durchlief die Menschheitsgeschichte dagegen einen ständigen Wechsel von Blüte und Untergang. Zum Apokalyptiker muss man deshalb aber nicht werden.

Ist dieser große, das Ganze der Menschheitsgeschichte suchende Blick ihres Buches programmatisch für das Humboldt-Forum, das im Berliner Stadtschloss eingerichtet werden soll?

Kann sein, vielleicht aber auch eher umgekehrt. Wäre ich nicht als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit Jahren mit der Konzeption des Humboldt-Forums als Präsentationsort der außereuropäischen Kulturen befasst, hätte ich die globale Perspektive auf mein eigenes Fach, die Prähistorische Archäologie, wohl nicht gewonnen. Insofern war das Amt des Stiftungspräsidenten letztendlich auch für mein eigenes wissenschaftliches Fachgebiet ungemein befruchtend.