Musik

Die Künstler stehen auf der Straße

Und drinnen auf den Podien, da sind die Streaming-Dienste, Start-ups und Digitalkonzerne. Ein Rundgang über die Berlin Music Week

Dieter Meier nimmt das Mikrofon in beide Hände. Wer fünf Millionen mal gestreamt wird, sagt er, der kann davon noch nicht mal die monatlichen Wasserkosten bezahlen. Das Publikum hält inne. Nun, scheint es zu denken, der Yello-Sänger ist Millionär und hat mindestens fünf Wohnsitze – wer weiß, wie viel Wasserkosten der monatlich zahlen muss? Meier ahnt, er muss deutlicher werden: 20 Euro bekommt ein Musiker, wenn er fünf Millionen Mal auf Spotify abgespielt wurde. Er ist sauer, auf die Streaming-Dienste und auf Spotify ganz besonders.

So begann die Konferenz der Berlin Music Week am Donnerstag. Meier, der Anarchist, hätte bei dem Begrüßungstalk auf der Bühne im Postbahnhof doch beinahe die ganze gute Stimmung kaputt gemacht. Denn das Streamen, das Abspielen von Musik zum Abo-Preis im Internet, das hat doch die Musikbranche gerettet. Man erinnere sich, 2002 war das MP3, das illegale Downloaden en vogue. Keiner wusste, ob sich Musik langfristig noch verkaufen lässt. Die Musikbranche war am Ende, Kulturstaatssekretär Tim Renner drückt es noch etwas drastischer aus.

Zum fünften Mal findet diese Musikwoche statt. Das Berlin Festival, der Abschluss, hat Tempelhof verlassen, ist jetzt kleiner und auch die Künstler, die dort spielen – Moderat, Woodkid, KIZ –, sind ein bisschen unbekannter. Und man ahnt, lange wird es das Festival und auch die Musikwoche, den inoffiziellen Nachfolger der Popkomm-Messe, vielleicht nicht mehr geben. Jedenfalls nicht so. Vielleicht als große Digitalmesse.

In einem anderen Panel sitzt ein Mann, der sagt es wieder: Musik ist nicht tot. Aber Musik sei jetzt halt nur noch Werbemittel. Das Produkt, das sei die Band. Bevor die Herzblut-Musiker im Publikum zu weinen beginnen können, sagt ein anderer: Musiker müssen heute vielfältiger sein. Pan-Künstler. Alles können. Öffentlichkeitsarbeit, also twittern, facebooken, Videos drehen, sich managen, buchen lassen und natürlich auch noch komponieren und musizieren und aufnehmen – heute kann jeder alles selber machen. Ein Milliardengewusel von Talenten steht im Internet. Es muss nur noch entdeckt werden. Wie? Statt Labels sind vor allem digitale Start-ups auf der Berlin Music Week vertreten: „Monetarisiere deine Musik“, sagt ein Flyer. Und: „Verkaufe und manage deine Musik online“, ein anderer.

Wer es nicht selber machen will: Wie wäre es mit einer Marke? Marken sind die neuen Mäzene, die neuen Labels. Die haben das Geld. Wie zum Beweis kommt die Jägermeister-Blaskapelle um die Ecke? Die war mal ausschließlich Schnapswerbung, nun spielt sie Festivals, bläst mit Scooter und Cro und auf der Berlin Music Week direkt an der Spree mit dem Rapper Das Bo. Und die Besucher der Berlin Music Week, die folgen der Kapelle raus auf die Straße. Sie tanzen zur Blasversion von „Samba de Janeiro“.

Der Musiker, der zur gleichen Zeit vor dem Postbahnhof spielt – Greg Clifford, zarter Folk-Singer-Songwriter aus Dublin –, muss zusehen, wie die Schnaps-Bläser sein Publikum abziehen. Er singt alleine vor seinem Körbchen mit den QR-Codes, die zum kostenlosen Download seiner Musik – jetzt genannt: Tracks – und dem automatischen „Like“ seiner Facebook-Seite führen.

Der Mann mit der Pferdemaske

Die Neuentdeckungen der Berlin Music Week spielen in diesem Jahr auf der Straße. Entlang der East Side Gallery und auf der Oberbaumbrücke. Damit will man möglichst authentisch sein. Drinnen auf den Panels, da sind die Streaming-Dienste, Digitalkonzerne und Start-ups, und draußen auf dem Asphalt, da stehen die Künstler vor ihren Hüten. „First we take the Streets“ heißt das – und will ein Festival sein. Bühnen gibt es nicht mehr, es gibt nur bunte Sticker auf dem Boden: „Dieser Standort wird ihnen präsentiert von …“

Nur eine Bühne gibt es noch, unweit vom Postbahnhof, direkt gegenüber der O2 World hat Deutschlands derzeit bekannteste Folk-Indie-Band Mighty Oaks – die mächtigen Eichen – eine Bühne kuratiert. Jackson Dryer, Wahlberliner aus Australien, singt hier so sanft, dass die Sonne dabei unterging. Und Alice Phoebe Lau aus Kapstadt. Beide unsigned, beide großartig. Und Aloa Input spielen, während wenige Meter weiter auf der Oberbaumbrücke ein Mann mit runtergelassenen Hosen und Pferdemaske singt. Er wiehert manchmal auch. Die Musikwochenbesucher gesellen sich dazu, bis sie merken, ach nee, da ist ja gar kein Musikwochensticker auf dem Asphalt. Das ist gar kein Teil des Festivals. Das ist einfach nur Straßenmusik. Musikwoche – ist die nicht eigentlich jede Woche in Kreuzberg?

Aber es gibt ja noch den Abend in den Clubs an der Spree. Die Showcases lauter neuer oder unsigned Bands. Wo die Branche, die Labels, die Radiomenschen, die PR-Leute und die digitalen Gründer zusammen kommen. Neues hören. Tüsn, eine Mischung aus den Killers und Prince und Unheilig spielt im Flux Bau. Und Suvi, Orchester-Pop aus Schweden, den hört man im Glashaus.

Wenn die Musikwoche also Symptom der Erholung sein wollte, dann ist es eine vorsichtige Erholung, mit kleinen Schritten. Und Rückschritten. Nicht zu sehr verausgaben. Kein großes Tempelhof-Festival. Keine Björk. Kein Blur. Kein Bombast.

Direkt an der Mauer spielt eine wunderbare Frau, Jacqueline Blouin, in rostroter Bluse und langem Rock, und singt so glasklaren Singer-Songwriter-Folk, dass die Luft um sie zu schimmern schien, die Touristen halten verzaubert inne, fünf Minuten mal keine Selfies vor der Mauer. Und neben Blouin steht Thorsten Groß, der Chefredakteur der Popzeitschrift „Spex“, und preist Blouin an. Sagt, dass die Jacqueline auch Chefin vom Dienst sei bei der „Spex“ und dass sie modelt. Und überhaupt, dass sie ganz viel macht. Und jetzt aber auch Rockstar werden soll. Und es ist klar, die Jacqueline hat das befolgt, was sie auf den Panels sagen, was diese Musikwoche lehren sollte: Mach einfach alles. Dieter Meier würde noch hinzufügen: Und mach es selbst.