Film

Made in Kreuzkölln

Regiedebütant Kaan Müjdeci verblüfft beim Filmfestival in Venedig

Das älteste Filmfest der Welt tut sich schwer mit jungen Talenten. Gerade mal ein Regiedebüt findet sich im Wettbewerb von Venedig, der am heutigen Sonnabend endet. Der Erstling stammt von einem jungen Türken namens Kaan Müjdeci, den kaum jemand bis dato kannte. Außer mit einem Dokumentarkurzfilm ist er bislang nicht in Erscheinung getreten. Sein Spielfilm „Sivas“, der nun um dem Goldenen Löwen konkurriert, ist ein ebenso authentisches wie brutales Drama um einen Jungen in der türkischen Provinz, der sich eines verwundeten Kampfhundes annimmt, ihn aufpäppelt und bald Wettkämpfe mit ihm gewinnt. Der Film mit seinen drastischen Szenen ist wie ein Faustschlag im sonst oft drögen Festivalprogramm.

Nicht minder überraschend als Müjdecis plötzliches Auftauchen ist seine Biografie. Beim Gespräch begrüßt er einen mit gewinnendem Lachen: „Hey, wir können auch deutsch sprechen. Ich bin Kreuzberger!“ Müjedci ist in dem kleinen Dorf Yözgat geboren, in dem auch sein Film spielt, später ging er nach Ankara, bevor er vor 11 Jahren nach Berlin zog. Er lebt im hippen Kreuzkölln, in der Schönleinstraße, wie so viele internationale Künstler, die in den vergangenen Jahren hierher gezogen sind. Doch anders als die meisten von ihnen, die Berlin nur als Zwischenstation sehen und vor allem wegen der noch immer relativ günstigen Mieten schätzen, ist der umtriebige Müjdeci wirklich angekommen.

Wie aus dem Nichts ins Weltkino

Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Yasin hat er vor sieben Jahren an der Kreuzberger Oranienstraße die Bar Luzia eröffnet, eine angesagte Szenekneipe und Treffpunkt der Kreativ- und Künstlerszene, nicht nur aus der Türkei. „Ich habe die Bar mit meinem Bruder aufgemacht, um Geld für meinen Film zu sammeln“, sagt er, nur halb im Spaß. Eine Weile später haben sie ein paar Häuser weiter den Voo-Store aufgemacht, einen nicht minder angesagten Laden für Designermode. „Wir haben Labels aus Skandinavien und Paris, keine Sachen, die für einen Euro in China produziert werden“, sagt er. Nebenbei bewarb sich Kaan an Filmhochschulen, wurde überall abgelehnt, machte einen Kurs an der New York Film Academy, das war’s. Keine deutsche Filmförderung wollte ihm Geld geben, also sparte er sich das Budget für sein Debüt selbst zusammen.

Und tritt damit nun, wie aus dem Nichts, auf die Bühne des Weltkinos. Man wird sich den Namen merken müssen: Kaan Müjdeci. „In New York habe ich die technischen Sachen gelernt, wie eine Kamera funktioniert, die unterschiedlichen Objektive. Danach muss man nur die richtigen Leute finden, für Kamera, Licht, Ton, Schnitt, dann ist es einfach.“ Die einzige Auseinandersetzung, die er mit dem griechischen Schnittmeister hatte, war die Frage des Mittagessens: „Er wollte immer zum Vietnamesen gehen!“

Das Luzia ist nicht nur finanziell die Geburtsstätte des Films, hier fanden sich auch die kreativen Köpfe hinter dem Projekt. „Ohne die Bar gäbe es den Film nicht“, sagt er. In Yözgat, wo sein Film spielt, etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Ankara entfernt, hat Müjedci fast alle Sommerferien verbracht, um die Schafherden seiner Familie zu hüten. Er studierte vier Semester Physik, hatte aber nicht das Gefühl, damit Erfolg haben zu können. Also zog er mit 22 Jahren mit seinem Bruder nach Berlin.

Dass jetzt in fast allen Berichten über das Festival der neue Film von Fatih Akin als einziger deutscher Beitrag gefeiert wird, liegt nicht an der Qualität von Kaans Film, sondern dass ihn schlicht niemand kennt. Vor allem in Deutschland: „Niemand wollte uns unterstützen, als ich sagte, ich mache einen Film über einen Jungen und seinen Hund, ohne jede Dreherfahrung“, sagt Kaan und findet das selbst zum Lachen. Rund 300.000 Euro hat sein Film gekostet.

„Ich habe in Kreuzberg gelernt, dass man einfach machen muss. Als ich nach Berlin kam, war ich kein Barmann, ich bin einfach neugierig und probiere gern Sachen aus.“ Zweimal hat er sich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin beworben – vergeblich. „Vielleicht ist das auch gut so. Fassbinder war auch auf keiner Filmschule, aber er hat sich durchgesetzt. Ich finde nicht alles gut, was er getan hat, aber er ist ein Vorbild.“

Es ist eine ganz andere Einstellung als in der deutschen Filmbranche, die allzu gern jammert und sich auf Fördermittel verlässt. Müjdeci macht einfach. Und wenn es nicht klappt, überlegt er sich ein neues Projekt. Auf die Nase gefallen ist er damit bislang nicht, im Gegenteil. Und er ist so sehr Außenseiter der hiesigen Filmindustrie, dass er noch nicht mal den Unterschied kommentieren kann. Kein böses Wort über die Lethargie der Branche. Er zieht einfach sein Ding durch. Und was kommt als nächstes? Der Selfmademan ist entspannt.

„Ich habe ein Projekt, aber wer weiß, was passiert? Wir haben den Film völlig unabhängig gemacht, noch gibt es keinen Verleih. Wir warten ab. Und wenn nichts passiert, mixe ich eben erst mal wieder Gin Tonics im Luzia.“ Solange Berlin Menschen wie Kaan Müjdeci hat, muss sich die Stadt keine Sorgen um ihre Zukunft machen. Und vielleicht erkennt das ja auch die deutsche Filmbranche.