Ausstellung

Die Irrwege eines Altars

Die Berliner Gemäldegalerie zeigt eine Rekonstruktion des Genter Kolossalgemäldes der Brüder van Eyck

Eine kleine Show mit Überraschungsmoment musste schon sein. Der Altar blieb zunächst geschlossen. Spannend wollten es Direktor Bernd W. Lindemann und Kurator Stephan Kemperdick in der Gemäldegalerie machen. In der großen Wandelhalle stellten sie die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Der Genter Altar der Brüder van Eyck in Berlin. 1820-1920“ vor. Das ist gleichermaßen ein historisches, politisches wie künstlerisches Projekt. Und eng mit Berlin verbunden.

Es geht um den berühmten 3,7 Meter hohen Flügelaltar, der aus 20 Tafeln besteht, auf denen 258 menschliche Figuren gestaltet sind. Auf dem Kolossalgemälde haben Wissenschaftler inzwischen auch 42 verschiedene Pflanzenarten identifiziert. Der Altar war 1432 von Jan und Huber van Eyck für die Genter Kathedrale geschaffen worden. Die Innenseite des Altars wurde nur an hohen christlichen Feiertagen gezeigt: an Weihnachten, Ostern und an Allerheiligen. An den übrigen Tagen blieben die Flügel geschlossen. Mit den Jahren aber änderten sich die Ansprüche an die Kunst: Die Tafeln mit der großartigen Darstellung von Adam und Eva sollten etwa wegen ihrer Anstößigkeit 1781 auf Veranlassung Kaiser Josephs II. abgebaut werden. Die Kirchenverwaltung bewertete den Altar als wertlos und verkaufte sechs von acht Flügeln des Altars für 3000 Gulden.

Der in Berlin lebende englische Kaufmann und Kunstsammler Edward Solly kaufte die Tafeln 1818. Drei Jahre später erwarb Preußen Sollys Sammlung. Die fehlenden Mitteltafeln wurden durch Kopien von Michiel Coxcie und des vom König Friedrich Wilhelm III. beauftragten Malers Carl Schulz ersetzt. In dieser Gestalt wurde der Altar im Königlichen Museum zum ersten Mal aufgestellt. Erst 1904, als das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) eröffnet wurde, konnten die Originale des Genter Altars im eigenen Raum präsentiert werden, ergänzt mit den Kopien von Coxcie, von Schulz und Richard Böhnke.

Das weitere Schicksal des Altars wurde durch politische Ereignisse bestimmt. Nach dem Ersten Weltkrieg, in Folge des Friedenvertrags von Versailles, musste der Kriegsverlierer Deutschland als Kompensation für Kriegszerstörungen den Genter Altar an Belgien abgeben. 1920, vor der Übergabe des Altars, wurden in Berlin schwarzweiße Fotos davon gemacht. Sie sind jetzt Teil der Ausstellung. Der komplette Altar wurde damals in seiner angestammten Kapelle aufgestellt. 1934 wurden zwei Teile gestohlen. Während eines davon gegen ein Lösegeld zurückgegeben wurde, blieb die Darstellung der „Gerechten Richter“ verschwunden und wurde 1941 durch eine Kopie ersetzt.

All das ist jetzt in der Berliner Ausstellung nachzuvollziehen. Kurator Kemperdick öffnete schließlich den Altar. In der Wandelhalle können Besucher nun das Hauptwerk der altniederländischen Malerei bestaunen. Während das Original 1986 aus Sicherheitsgründen in einen bewachten Seitentrakt des Gotteshauses gebracht wurde, wo es inzwischen hinter Glas ausgestellt ist, ist die Reproduktion hautnah zu besichtigen. Die Ausstellung ist bis zum 29. März 2015 zu sehen.

Gemäldegalerie am Kulturforum Der Genter Altar. Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr Bis zum 29.3.2015